Zweibrücker Pilot-Krimi: Einer von uns

Kapitel 1

>>Hauptkommissar Feisel…!<<, begann Kramer, der Leiter der Mordkommission am Fenster stehend zu sprechen, nachdem er Feisels Akte studiert hatte.
Feisel schaute sich im Büro um und entgegnete: >>Meinen Sie mich?<<
>>Sie sind ein guter Polizist. Nur leider viel zu gut.<< Kramer hatte bereits auf seinem Stuhl Platz genommen.
Feisel runzelte die Stirn und sah Kramer fragend an.
>>Ihre Aufklärungsrate…<< Erneut wurde er unterbrochen.
>>Ja…, begann Feisel zögernd. >>…, stimmt. Ich arbeite noch an dem Fall. Aber sonst…<<
>>Ich darf Sie unterbrechen, Feisel, Sie sind anscheinend zu bürgernah.<<
>>Was heißt hier `zu bürgernah`?!<< Er vollendete im Dialekt: >> Kölle es ming Heimat, ich bin he jebore.<<
>>Das mag nur nicht jeder.<<
>>Wat? Mer kenne uns doch lang…<<
>>Sehen Sie, Feisel…<<, unterbrach Kramer und zeigte auf ihn, >>…, Sie sind anscheinend zu verbohrt, zu festgefahren. Ihr letzter Kollege kommt aus Norddeutschland, und dem hat ihre direkte Art gar nicht gefallen.<<
>>Wollen Sie mir jetzt vielleicht mitteilen, dass der Fall noch nicht gelöst ist, weil mein letzter Kollege mit meiner Art…<<
Kramer schüttelte den Kopf. >>Ich finde, Sie brauchen eine Abwechslung. Wenigstens für kurze Zeit. Mal raus hier aus all dem Schamassel. Mal was anderes sehen.<<
>>Und jetzt? Soll ich jetzt vielleicht Krabbenfischer werden?<<
>>Sie sind noch jung, haben das halbe Leben noch vor sich.<<
Feisel musste grinsen. >>Mit 52, und wenn ich mich recht entsinne, zehn Jahre jünger als Sie, Kramer.<<
>>Für Sie immer noch Herr Kramer.<<
Feisel rollte die Augen.
>>In Zweibrücken ist gerade eine Stelle frei geworden. Ich habe mich für Sie eingesetzt.<<
>>Was soll ich denn im Saarland?!<<, lachte Feisel.
>>Zu Ihrer Kenntnis liegt Zweibrücken an der Grenze zum Saarland. Also in Rheinland-Pfalz.<<
>>Und was passiert da so?<<
Kramer reichte Feisel mit ernster Miene ein paar Seiten zum Lesen. Feisel nahm sie entgegen und runzelte die Stirn und begann zu lesen, während er Kramer zuhörte.
>>Auf einen Kollegen von uns ist dort im Einsatz mit seiner Kollegin geschossen worden. Kriminalhauptkommissar Steiner und Kriminaloberkommissarin Schrader befanden sich in der Nähe eines Tatortes, an dem ein Mord begangen worden ist, zwischen zwei Häusern, die (er bewegte seine Hände von sich weg) von der Straße weg stehen. Steiner ist vorgegangen, die Kollegin Schrader hat gesichert. Kurz nachdem die beiden hinten angekommen sind, wurde aus mindestens zwei Fenstern auf beide geschossen. Schrader flüchtete den Weg zur Straße zurück, in der Hoffnung, dass Steiner ihr folgt. Den Rest können Sie sich denken.<<
>>Scheiße…!<<, flüsterte Feisel.
>>Momentan ist die Kollegin Schrader in psychologischer Behandlung und selbstverständlich krankgeschrieben. Sobald sie wieder gesund ist, wird sie ihre Ausbildung zur Hauptkommissarin fortsetzen.<<
>>Und wann soll das sein? Ich meine…<<
>>Schnellstmöglich. Bis dahin werden Sie da unten zeigen, was Sie hier bei uns gelernt haben. Ich hab` Ihnen für die nächsten Tage ein Hotelzimmer in der Poststraße gebucht. Sie fahren heute noch da runter und melden sich morgen früh bei Kriminalrat Stoll in Zweibrücken.<<
>>Ach, doch so schnell?<<
>>Sie arbeiten seit Jahrzehnten erfolgreich in der kriminellsten Stadt von Nordrhein-Westfalen und gleichzeitig der zweitkriminellsten Stadt Deutschlands, das kriegen Sie hin. Außerdem sind Sie da unten nicht alleine, die Kollegin Schrader ist ansprechbar. Morgen früh erwarte ich Ihre Meldung. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.<<
Feisel kommentierte zynisch: >>Ich freu` mich schon auf Saarbrücken.<<
>>Feisel…! Zweibrücken. Viel Erfolg. Und kommen Sie gesund wieder.<<
Mit einem verschmähten Grinsen verabschiedete er sich von Kramer und fuhr nach Hause. Nachdem er den Koffer gepackt hatte, fuhr er los.

Sein Navi prophezeite ihm eine Fahrtzeit von knapp drei Stunden ohne Zwischenfälle und führte ihn bei Bonn vorbei, und weiter über Mayen bei Koblenz. In der zur Mosel gelegenen Gegend, nahe Trier schaute er sich öfter als sonst wo um, weil überall Weinberge. >>Lecker!<<, sagte er zu sich selber. Auf der Autobahn bei Saarbrücken musste er schmunzeln, immerhin wäre er beinahe hier gelandet. Etwa 40 Minuten später verließ er mit der Abfahrt Bubenhausen die Autobahn, etwa weitere 20 Minuten später checkte er im Hotel in der Poststraße ein. Im Zimmer packte er aus und ging anschließend duschen.
Danach zog er sich andere Kleidung an und ging nach draußen, um beim Beine vertreten die ungewohnte Umgebung auf sich wirken zu lassen, vielleicht könne er Inspiration für künftige Ermittlungen geben, dachte er sich. Er schlenderte leicht schmunzelnd durch die Fußgängerzone. Er ließ den Dialekt der Passanten auf sich wirken, teilweise hörte er auch Russisch heraus. Seine Mine wurde manchmal ernster, wenn er in den Schaufenstern mancher Geschäfte “Zu verkaufen“ oder “Zu vermieten“ las. Er dachte im Stillen, dass die Arbeitslosenquote überdurchschnittlich hoch sein könnte, was für manche ein Nährboden für Kriminalität ist. Er fragte sich, ob es in Zweibrücken soziale Brennpunkte gibt oder ob die Kriminalität auf die ganze Stadt verteilt sein könnte, wie das in seiner Heimatstadt der Fall ist.
In seine Gedanken vertieft wäre er mit einem Passanten kollidiert. Mit einem freundlichen >>`n Abend<< grüßte er den Mann. Dieser beachtete ihn im Vorbeigehen zwar nicht, grüßte ihn aber mit einem >>Servus<<.
Die Alexanderkirche, die er fotografierte, kommentierte er schmunzelnd mit >>Na ja, beinahe wie bei uns.<< Er fotografierte auch eine vor der Alexanderkirche sitzende Bronze-Statue, die dem Dienstmann Ludwig Arnold gewidmet ist, und die – so hat Feisel später erfahren – alle Zweibrücker mit dem Namen “`s Zweebrigger Luiche“ kennen.
Hinter dem Omnibusbahnhof hielt Feisel inne und machte mit seinem Handy vom Straßenschild ein Foto. Dies kommentierte er freudig mit >>Wie niedlich. Bei uns gibt es den Heumarkt und den Neumarkt, und hier gibt es die (er trennte) Frucht-Markt-Straße.<< Mit seinem Handy in der Hand folgte er dieser Straße bis zur Kreuzung. Dort hielt er einen Moment lang inne, überlegte und machte ein weiteres Foto. “Das muss eine der beiden Brücken sein, von der Autobahn ausgenommen“, dachte er sich.
Von dort aus lotste ihn sein Handy nach rechts auf die Kaiserstraße“ am Krankenhaus vorbei. Nach etwa 15 Minuten Fußweg fiel ihm das Straßenschild Poststraße auf, und befand sich nur wenige Minuten später in seinem Domizil.
Dort bestellte er sich bei einem Lieferservice eine Pizza, schrieb seinen Vorgesetzten eine Nachricht, dass er angekommen ist, und las den Tatbericht, den Kramer ihm mitgegeben hatte. Im Handy einen Überblick über das Gebiet und über den Tatort. Der Tatort befand sich in der Langentalstraße. Die Wohnblocks mit jeweils mehreren Hausnummern standen nach links von der Straße weg. Im ersten Wohnblock hatte eine Woche bevor der Kollege erschossen wurde, ein Mann seine Frau vergewaltigt und erdrosselt, die Kollegen Steiner und Schrader ermittelten auch in diesem Fall. Als sie im Rahmen der Ermittlungen den Tatort aufsuchten, wurden in den ersten beiden Wohnblocks Fenster geöffnet und auf die beiden Beamten geschossen. Der Kollege Steiner wurde mehrfach getroffen und verblutete noch am Tatort.
Es blieben Fragen offen. Was hatten diese Täter mit dem vorangegangenen Fall der Vergewaltigung und Erdrosselung zu tun? Woher wussten sie, dass Steiner und Schrader sich zum Tatzeitpunkt dort aufhielten? Wie viele Personen hatten aus wie vielen Fenstern geschossen? Die Spurensicherung sollte Aufschluss geben.
Feisel las den Bericht zu Ende, aß seine Pizza und ging schlafen.


Kapitel 2

Am nächsten Morgen trat er seinen Dienst im Polizeirevier in der Landauer Straße an, wo er von Kriminalrat Stoll empfangen wurde. Feisel nahm seinen Dienstausweis mit der Aufschrift “KHK Feisel, Kriminalpolizei Zweibrücken“ und seine Dienstwaffe entgegen. Nachdem er dem Ermittler-Team vorgestellt wurde, und nach kurzem Small-Talk zum Kennenlernen gingen Stoll und Feisel zur Arbeit über.
>>Wie geht es der Kollegin?<<
>>Sie ist nach wie vor in psychologischer Behandlung. Wir stehen ihr so gut wie möglich zur Seite, sie ist eine gute Polizistin, und hier sehr beliebt. In dieser Woche ist sie für die Prüfung zur Hauptkommissarin angemeldet, und jetzt das. Schade, das Ganze ist für uns wie ein Schlag ins Gesicht.<<
>>Und Kollege Steiner?<<
>>Wie meinen?<<
>>Na, es könnte doch sein… Ich meine, irgendwer muss doch die Täter gewarnt haben.<<
>>Konkrete Zeugenaussagen gibt es nicht. Nachbarn sagen, sie hätten aus Angst die Fenster zugemacht beziehungsweise zugelassen, es hat als niemand gesehen, wer von aus geschossen hat. Manche haben auch Kinder, und diese Gegend ist nicht besonders beliebt. Laut Spurensicherung hat sich der Kollege Steiner noch wegdrehen und wegrennen wollen, während die Täter auf ihn geschossen haben.<<
Feisel nickte. >>Ja, ich hab` gelesen, dass sie ihn aufgefordert hat, ihr zu folgen.<<
>>Hm….<<, Stoll nickte.
>>Die einzige Zeugin ist also die Kollegin Steiner…<<, folgerte Feisel.
Stoll stimmte erneut zu.
>>Und wenn ich da jetzt hinfahre…, brauche ich dann Begleitung vom SEK?<<
>>Ich finde, Sie sollten alleine in die Langentalstraße fahren. Sie kennt dort niemand, ihr Kölner Autokennzeichen lässt sicher nicht auf Observierung schließen. Beobachten Sie den Tatort. Sammeln Sie Indizien, befragen Sie Passanten und Anwohner. Aber seien Sie auf der Hut.<<
>>Na, danke für den Tipp…! Könnten Sie bitte den Kontakt zwischen mir und der Kollegin Schrader herstellen?<<
>>Keine schlechte Idee.<<

Er fuhr durch die Lammstraße und durch die Fruchtmarktstraße nach Bubenhausen unter der Autobahnbrücke hindurch, was er mit >>Ah, genau.<< kommentiert (er kannte die Autobahnabfahrt bereits) und dort auf den Etzelweg. Unterwegs rief er seinen Vorgesetzten Kramer in Köln an und erstattete Bericht. An der Kreuzung Gleiwitzstraße/Etzelweg/Langentalstraße bog er nach rechts in die Langentalstraße ab, fuhr ein paar Meter bis kurz vor den zweiten Wohnblock. Er suchte nach Indizien aus der kompletten Umgebung, indem er die Scheibe runterkurbelte und versuchte, aus irgendwelchen Gesprächen auch immer etwas herauszuhören, und wenn es nur die allgemeine Stimmung dieser Gegend war oder das allgemeine Niveau der Anwohner, meist ist das alles der jeweiligen Umgebung angepasst.

Nachdem er nach einigen Minuten aus einer Wohnung mit gekipptem Fenster vernahm, dass jemand >>Halt dei dummi Fress!<< rief, ging am zweiten Wohnblock eine Frau mittleren Alters vorbei. Ihm fiel auf, dass sie unter Durchschnitt groß und schlank gewesen ist, ihr graues Haar trug sie kurz, um den Ausruf aus dem Fenster schien sie sich nicht zu kümmern. Sie starrte nur auf die Erde vor sich hin.
Zu seiner Überraschung rief im selben Moment die Kollegin Schrader ihn an. Er erkundigte sich nach ihrem Gemütszustand und teilte ihr mit, wo er war und was er dort tat. Wenige Minuten später klopfte eine Frau auf der Beifahrerseite von außen an die Scheibe, öffnete die Tür und nahm neben ihm Platz.
>>Sie sind wohl schon länger bei der Kripo.<<
Er strich sich durchs Haar und entgegnete lächelnd: >>Wie kommen Sie darauf? Hauptkommissar Matthias Feisel. Hallo.<<
>>Kriminaloberkommissarin Nicole Schrader.<<
Nachdem Sie einander vorgestellt hatten, sagte Schrader: >>Ich fühl` mich einerseits geehrt, dass ein Kollege aus Köln mich vertritt. Andererseits kommt es ein wenig so an – und dafür können Sie aber nichts – , als wenn wir Zweibrücker nicht in der Lage seien, eigenständig unsere Bürger zu beschützen.<<
Feisel dachte an sowas wie “Verzeihung, ich tue mal so, als sei ich nicht ihr Kollege, sondern komplett außenstehend, dann würde ich wahrscheinlich auch genau in diese Richtung denken“. In Wahrheit argumentierte er aber: >>Es kommen wieder bessere Zeiten, für Sie und für die Zweibrücker Polizei. Was machen Sie hier eigentlich? Sie sind doch gar nicht im Dienst, wenn ich richtig informiert bin.<<
>>Sie sind nur zum Teil richtig informiert. Ich will den Fall lösen.<<
>>Hut ab vor Ihrem Ehrgeiz. Den sollten Sie – und das sage ich als Ihr Kollege und mit guten Absichten – in Fällen einsetzen, von denen Sie nicht persönlich betroffen sind.<<
Schrader schwieg einen Moment. >>Wenn ich so richtig überlege, sind wir als Polizisten alle irgendwie von jedem Fall persönlich betroffen.<<
>>Wie gut kannten Sie den Kollegen Steiner eigentlich?<<
Schrader blickte aus dem Fenster.
>>Aha. Verstehe…<<, kommentierte Feisel. Ihm war auch klar, dass ihre “Gelassenheit“ nur objektiv zu betrachten war, eine Art Schutzpanzer.
>>Nehmen Sie Medikamente?<<
Schrader sah in an. >>Nur zur Beruhigung.<<
>>Frau Kollegin, bitte nicht böse sein. Aber sie gehören hier nicht hin. Ich möchte, dass Sie nach Hause gehen. Wenn möglich, schlafen Sie. Schlaf ist gesund.<<
>>Als ich eben hier hin kam, lief hier eine ältere Frau entlang.<<
>>Frau Schrader…!<<
>>Ihr Sohn ist einschlägig aktenkundig: Drogen, Gewaltdelikte, auch mehrere Sexualdelikte.<<
Feisel sah Schrader an, wurde hellhörig.
>>Er soll laut Aussagen sogar schon seine minderjährige Schwester begrapscht haben, und er ist dafür bekannt, dass er schnell ausrastet, also labil ist. Es gibt nur nie Zeugen, immer nur Aussage gegen Aussage. Bisher wurde erst ein einziges Mal wegen § 20 Strafgesetzbuch nicht schuldig gesprochen. Er war sogar schon in der Klapsmühle. Läuft aber immer noch frei rum.<<
>>Und die Frau eben ist seine Mutter?<<
>>Sie wohnt da oben im nächsten Block, also im dritten. Manche Aussagen über sie lassen vermuten, dass sie ihn beschützen will. Manche sagen, sie habe Angst vor ihm. Könnte sein, er wird gegen jeden und wegen allem aggressiv, auch seiner Mutter gegenüber, und übrigens auch gegen Polizeibeamte. Im gesamten Stadtgebiet hat er den Beinamen “Messer-Mike“. Böse Zungen behaupten auch, er sei Mamas` kleiner Liebling.<<
>>Und der Vater?<< >>Er war Alkoholiker und ein stadtbekannter Schläger. Er starb, als der Sohn 12 Jahre alt gewesen ist.<<
>>Wie alt ist er heute?<<
>>Fünfundzwanzig.<<
>>Wie meinten Sie das eigentlich eben mit `Mamas` kleiner Liebling`?<<>>Sie haben richtig verstanden. Das würde passen, wenn auch die Aussagen bezüglich auf das angebliche Betatschen seiner Schwester passen.<<
Feisel überlegte kurz. >>Der Paragraph 20 im Strafgesetzbuch ist ein Schuldausschließungsgrund. Wenn bei ihm tatsächlich eine Art von Behinderung vorhanden ist, muss man ihn vor der Gesellschaft und die Gesellschaft vor ihm schützen. Ist er gesund, gehört er in den Knast. Möglicherweise möchte die Mutter tatsächlich nur ihre Familie beschützen, mit sowas muss man behutsam umgehen. Wie heißt die Familie mit Nachnamen?<<
>>Lauterbach.<<
Feisel zückte einen kleinen Block und einen Kugelschreiber aus der Jackentasche, und begann zu notieren, seine Kollegin sah ihm zu. Kurz darauf bat er sie, nach Hause zu gehen.
Schrader stieg aber nicht aus. >>Ich vermute, Sie geben mir jetzt Ihre Karte, und sie melden sich.<<
>>Sie haben mir schon sehr viel geholfen, Frau Kollegin. Kommen Sie gut heim.<<
Daraufhin stieg Schrader aus dem Auto. Ihm war durchaus bewusst, dass sie sich nicht beeinflussen lassen wollte. Er hätte keine Chance gehabt. Ihm war nur wichtig, dass sie sich nicht in die laufenden Ermittlungen einmischt, solange sie außer Dienst ist, immerhin war er für sie verantwortlich.

Einen Moment später rief er seinen Vorgesetzten Stoll an und bat ihn um die Akte Lauterbach. Außerdem setzte er ihn darüber in Kenntnis, dass er sich den Tatort genauer ansehen wolle. Kurz darauf stieg er aus und ging zu dem Haus.

Die Hinterseiten des zweiten und des ersten Wohnblocks trennten eine Wiese. Der Tatort befand sich auf der gegenüberliegenden Seite, also rücklings des ersten Blocks. Feisel ging dort hinüber und sah sich um, die Polizeiabsperrungen waren bereits entfernt. Auf der Wiese, unmittelbar an der Hauswand des ersten Blocks, waren mehrere Fußabdrücke und noch etwas Blut zu sehen. Die Projektile waren alle entfernt worden. In der Hauswand befanden sich zwei Einschusslöcher. Er sah sie sich genauer an, um so eventuell die Größe der Munition zu ermitteln, und somit eventuell das Modell der Waffe. Die Lage der Einschusslöcher verriet ihm, dass diagonal nach unten in die Hauswand geschossen wurde, also von oben des Hauses. Er sah sich abwechselnd die einzelnen Fenster des zweiten Wohnblocks und die Hauswand des ersten Wohnblocks an. In der 2. Etage des zweiten Wohnblocks war ein Fenster gekippt. Daraus vernahm er zunächst eine männliche und eine weibliche Stimme, beide klangen nach jüngeren Personen. Als er aus derselben Wohnung ein mehrfaches Klatschen und das Wehgeschrei der weiblichen Person vernahm, ging er auf die Vorderseite des zweiten Wohnblocks zur Haustür. Zu seiner Überraschung stand neben der mittleren Klingel der Name “Lauterbach“. Er drückte die Tür mit dem Summen auf und ging nach oben. Die Tür wurde nur einen Spalt geöffnet, sodass nur eine Körperhälfte eines jungen Mannes zu sehen war. Er hatte in etwa dieselbe Statue wie die ältere Frau unten auf der Straße, er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift “Bull“, eine Trainingshose mit drei Streifen, Socken, und Badelatschen. Um den Hals trug er eine Panzerkette mit einem Fingerring als Anhänger. Sein Haar war kurz geschnitten und blondiert. Ohne bisher je ein Wort mit dem jungen Mann gesprochen zu haben, erwartete Stenzel nicht, dass der junge Mann hochdeutsch sprach – wobei Feisel allerdings auch professionell genug war, nicht zu stigmatisieren.

>>Un? Was is?<<, eröffnete der junge Mann das Gespräch. Aus dem Hintergrund vernahm Feisel ein Schluchzen. Dem Klang nach das einer weiblichen Person, vermutlich seine Schwester.
>>Guten Tag. Feisel mein Name. Kripo Zweibrücken.<< Er zeigte seinen Dienstausweis.
>>Un, was wolle se?<<
Wäre Feisel mit der Tür ins Haus gefallen, hätte man ihm sehr wahrscheinlich die Tür vorher vor der Nase zugemacht.
>>Ist Ihre Mutter zu sprechen?<<
>>Die is net do.<<
Aus dem Hintergrund erkundigte sich die junge Frau nach dem Besuch. >>Wer is`n do?<<
Der junge Mann, offensichtlich der “Messer-Mike“, reagierte wie von Schrader beschrieben aggressiv. Er eilte ins Innere der Wohnung und ließ die Wohnungstür unberührt. Dann hörte Feisel ein lautes Klatschen, die junge Frau schrie auf. Der “Mike“ Lauterbach schrie die junge Frau an: >>Ich han dir gesat, halt die Fress, du Bitch.<<
Feisel stieß bereits während des Klatschens die Tür auf, überwältigte den jungen Mann, drückte ihn bäuchlings auf den Boden, stützte sein Knie auf dessen Rücken und hielt dessen Arm fest.
>>Ganz ruhig, junger Mann<<, sprach er ihm zu. >>Ganz ruhig. Machen Sie bitte die Tür zu?<<, bat er dann die junge Frau, sie befolgte schluchzend.
>>Ich bekomme bitte von Ihnen beiden die Personalausweise.<<
>>Fick dich, du scheiß Bulle!<<, schrie der junge Mann.
Feisel zückte seinen Notizblock und Kugelschreiber und tat so, als würde er schreiben. Während dessen sagte er: >>Oh…! Körperverletzung, Beamtenbeleidigung… Nur weiter so.<<
Der junge Mann entgegnete: >>Fick dich! Ihr kenne mir gar nix, ich bin schuldunfähich, haha!<<
>>Bekomme ich nun eure Ausweise oder nicht?<<
>>Ja, Moment…<< Die junge Frau eilte in ihr Zimmer und in das des jungen Mannes, und kam mit zwei Ausweisen zurück. Sie war mit einem Minirock und einem bauchfreien Top ohne BH bekleidet und barfuß. Die Anhaltspunkte sollten sich bestätigen: Jana Lauterbach, 17 Jahre alt, ledig, und Michael Lauterbach, 25 Jahre alt, ebenfalls ledig.
>>Geh` vun mir runner, du fetti Sau!<<, schrie der junge Mann, der noch immer auf dem Boden lag und fixiert war, Feisel an.
>>Für Sie ist der heutige Tag vorbei. Ich nehme Sie wegen Körperverletzung und mehrfacher Beamtenbeleidigung fest.<<
Während Lauterbach noch mehr Ausdrücke ausspuckte, griff Stenzel nach seinem Handy und wählte die 110. Dann legte er Lauterbach Plastikarmbänder um die Handgelenke und stand auf. Lauterbach hätte sich mit den Händen beim Aufstehen abstützen müssen, mit dem Oberkörper war dies nicht möglich.
Feisel bat Jana Lauterbach für ein Vier-Augen-Gespräch ins Wohnzimmer und schloss die Tür von innen.
>>Halt die Fress!<<, rief ihr Bruder.
Jana Lauterbach stand mit verweintem Gesicht und Tränen in den Augen da, sie zitterte am ganzen Körper. Ihr Gesicht war rot von den Schlägen ihres Bruders.
>>Wie Sie vielleicht wissen, ist da draußen vor kurzem ein Polizist getötet worden.<<
Sie sah abwechselnd zu Feisel und trotz geschlossener Tür in Richtung Korridor, konnte die Tränen kaum zurückhalten.
Feisel versuchte, sie zu erreichen. >>Sie sind hier bei mir sicher. Die Kollegen kommen gleich, und wir reden im Revier in aller Ruhe. Einverstanden?<<
>>Ich bring` dich um!<<, schrie Lauterbach draußen.
Im selben Moment klingelte es Sturm. Feisel öffnete die Tür. Er zeigte seinen Kollegen von der Schutzpolizei seinen Dienstausweis. Worum es ging, musste vor Ort erst mal nicht geklärt werden, das hatte Lauterbach schon selber getan.
>>Sie dürfen sich jetzt anziehen. Haben Sie Ihren Schlüssel?<< Er sah Jana an. Sie zog den Minirock aus und Schuhe und eine Hose an, und eine Weste über das Top.

Unterwegs berichtete er Stoll, dem Leiter der Mordkommission, telefonisch von den Geschehnissen. Er bat, Schrader mit hinzu zu ziehen, es sei von Frau zu Frau besser. Als sie im Revier eintrafen, war Schrader bereits vor Ort.
Während die Kollegin Schrader sich mit Jana unterhielt, studierte Stenzel die Akte Michael Lauterbach. Dieser war anscheinend sowieso nicht vernehmungsfähig. Um jedoch sichergehen zu können, ordnete Feisel Lauterbachs Blutuntersuchung durch einen Amtsarzt an, um den Verdacht auf Drogenkonsum prüfen zu können.

Auch der Vater Lauterbach war wegen Gewalttaten mit häufigem Alkoholkonsum einschlägig bekannt, er verprügelte seine Frau und seine Kinder regelmäßig. Mit Eintritt der Pubertät wurde Michael Lauterbach vermehrt aggressiv, begann zu rebellieren, sich gegen jede Art von Regeln zu widersetzen. Er litt unter den jahrelangen Verschmähungen seitens seines Vaters, er hasste ihn regelrecht. Doch nach und nach gewann er durch selbiges Verhalten die Kontrolle über seine Mutter und über seine Schwester.
Bereits mit 13 Jahren wurde er erstmals polizeilich bekannt, es ging um Ladendiebstähle, außerdem wurde er bereits zu dieser Zeit von der Schule verwiesen, er schwänzte häufiger und seine Noten wurden schlechter. In der neuen Schule fand er zwar schnell Anschluss, allerdings gleichzeitig auch falsche Freunde. Er stahl ab nun im größeren Stil, schwänzte weiterhin die Schule und konsumierte ab nun auch Cannabis. Als 15-jähriger wurde er erstmals wegen Körperverletzung verurteilt, er wurde zu ein paar Sozialstunden verurteilt. Stenzel überraschte nicht, dass Lauterbach selbst von anderen Jugendlichen gemobbt und verprügelt wurde. Im selben Jahr kam eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung einer Mitschülerin hinzu, er hatte heimlich in der Umkleide Bild- und Videoaufnahmen von ihr gemacht, und gedroht, diese ihren Eltern zu zeigen, wenn sie nicht mit ihm schlafe. Als diese sich weigerte, drohte er, dieses Material in der Schule zu zeigen. Er wurde zu einer Bewährung nach Jugendrecht und zu weiteren Sozialstunden verurteilt. Die Schule hatte er ohne Abschluss verlassen.
Ein Jahr später kam die erste Verurteilung wegen Drogenmissbrauchs hinzu, es ging dann schon um Kokain, und eine Verurteilung wegen Zuhälterei, er hatte zwei Mitschülerinnen auf dem Schulhof angeworben, um sie für ihn anschaffen zu gehen. Ein Jahr Jugendgefängnis war die Folge, die Bewährung wurde widerrufen und die bisherige Dauer der Bewährung wurde angerechnet.
Als knapp 18-jähriger erfolgte die erste Verurteilung wegen einer Vergewaltigung. Aufgrund der Vorstrafen musste er ein weiteres Jahr ins Jugendgefängnis. Kurz nach der Entlassung begann er die nächste Vergewaltigung, diesmal in Kombination mit körperlicher Gewalt. Dieses Mal musste er für dreieinhalb Jahre ins Jugendgefängnis mit Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung.
Als er 22 Jahre alt war, wurde eine junge Frau aus der Stadt vergewaltigt und beinahe zu Tode gewürgt. Lauterbach wurde der Prozess gemacht, und obwohl man ihm nichts nachweisen konnte, war er von allen Verdächtigten derjenige mit den meisten Vorstrafen dieser Art, ein Indizienprozess also. Den er verlor und anstatt in Haft unmittelbar in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Nach einem Jahr war er wieder frei.
Die Nachbarn werden später aussagen, dass sie mit Jana Lauterbach und ihrer Mutter nur klar kamen, wenn er nicht zu Hause war. Weil er bis dato noch immer niemanden umgebracht hatte, wie sie vermuteten, ging das Gerücht um, dass er einen an der Murmel habe, also nicht zurechnungsfähig sei, wobei sie sich wunderten, dass er immer wieder frei gekommen war. Ein bis dato typisches Merkmal für ihn, wie Nachbarn und andere Zeugen später aussagen werden: Er wurde schnell laut und aggressiv, und wenn er sich nicht mehr zu helfen wusste, hatte er jeden und alles mit einem Messer bedroht, daher sein Spitzname. Eigentlich hätte der junge Mann mehr Jahre im Gefängnis gesessen haben müssen, als er Lebensjahre vorweisen konnte. Bei ihm wurde aber nur bei einer Verurteilung die Schuldunfähigkeit nach § 20 Strafgesetzbuch angewandt. Der § 211 des Strafgesetzbuches, nämlich Mord, zählte zu den wenigen Paragraphen, die noch nicht in seinem Register standen.

Jana Lauterbach war nicht vorbestraft. Über Sie war nur zu erfahren, dass Sie auf der Hauptschule mittelmäßige Noten hatte und sich gelegentlich den Lehrern und manchen Mitschülern gegenüber verhaltensauffällig zeigte. Auf Stenzels` weiteren Nachfragen erfuhr er, dass sie so gut wie keine Freundinnen hatte und meist mit Jungs rumhing, und es kursierten Gerüchte, dass sie angeblich sowieso lieber Männer bevorzugte, die hätten beinahe ihr Vater sein können.

>>Immer wieder starker Tobac, sowas.<<, kommentierte Feisel vor sich hin, legte die Akte auf den Schreibtisch, lehnte sich zurück und atmete durch. Nachdem er einen Moment die Akte des Verdächtigten hatte sacken lassen, beantragte er beim zuständigen Staatsanwalt einen Durchsuchungsbeschluss für den nächsten Tag. Es gab offensichtlich Indizien, dass Michael Lauterbach etwas mit der Vergewaltigung zu tun hatte oder zumindest etwas darüber wusste.
Im selben Moment kam Schrader zu ihm ins Büro. Sie berichtete ihm von Jana Lauterbach.
>>Sie ist total aufgelöst. Immer wieder hat sie Weinkrämpfe. Erst wollte sie sich nicht öffnen. Anscheinend bin ich aber die erste Person, die menschliches Interesse an ihr bekundet hat. Und sie hat immer wieder beteuert, dass er sie mehrfach sexuell belästigt und genötigt hat. Sie spricht auch von Vergewaltigung seitens ihres Bruders.<<
>>Wundert mich nicht, das entspricht seinem Profil. Ich hab` gerade die Akte gelesen. Der junge Mann zeigt soziopathische Merkmale auf, also fern jeglicher Empathie. Schon mal darüber nachgedacht, dass er etwas mit der Vergewaltigung und Tötung der Frau zu tun hat?
>>Zutrauen würde ich es ihm.<<
>>Das würde wohl jeder, der ihn schon mal gesehen und gehört hat. Ich hab´ für morgen einen Durchsuchungsbeschluss beantragt. Für heute habe ich genug. Und was machen Sie?<<
>>Mich um Jana kümmern?<<
>>Nein, das werden Sie nicht tun?<<
>>Vielleicht braucht Jana Hilfe?<<
>>Sind Sie jetzt auch Psychologin?
>>Nein, aber Ermittlerin?<<
>>Im Moment leider im Krankenstand. Tät-tä, tät-tä!<<
Während sie sich zur Tür umdrehte und beim Rausgehen wippen zu begann, sang sie (mit einigen Fehlern): >>Ja, wenn et Trömmelche geht, dann steh`n ma all parat. Un ma trecke durch die Stadt. Un jeder hätt gesaat…<<
Noch als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schaute er ihr wie vom Blitz getroffen hinterher. Dann setze er sich wieder, der Aufdruck “Bull“ auf Lauterbachs` T-Shirt beschäftigte ihn. Möglicherweise sagte dieser etwas über ihn aus. Feisel recherchierte im Internet. Er fand zwei Möglichkeiten, den Zusammenhang mit einer Sportart und die Definition des Sternzeichens Stier schloss er aus. Die eine mögliche Variante wäre der “Bully“, das definiert Personen, die gemeinsam eine andere Person nötigen, stalken, verprügeln und sexuell belästigen oder gar vergewaltigen. Die andere Möglichkeit wäre die eines “Bull“, also eines Nutznießers, wenn ein Mann eine Frau für Sex verleiht.
Feisel vermutete einen Zusammenhang mit Janas` Erläuterungen. Hat “Messer-Mike“ etwa seine Schwester angeboten? Und was war an dem Gerücht mit “Mamas` kleiner Liebling“ dran?
Für heute hatte er wirklich genug. Er wünschte seinen Kollegen einen schönen Feierabend. Beim Verlassen des Gebäudes sagte er kopfschüttelnd zu sich selber: >>Eine Frau ist doch kein Auto!<<

Um abzuschalten beschloss er, einen weiteren Rundgang durch Zweibrücken zu machen. An der frischen Luft überkam ihn das Hungergefühl. In der Fußgängerzone, ganz in der Nähe der Alexanderkirche entdeckte er eine kleine Pommesbude. Hinter ihm stellten sich zwei weitere Kunden an. Zu seiner Überraschung war die Verkäuferin die Mutter von Michael und Jana Lauterbach. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und säuberte während dessen eine Fritteuse.
>>Guten Tag. Ich bekomme bitte eine Bratwurst.<<
>>Hamma net.<<, war ihre Antwort, ohne sich zu ihm umzudrehen.span>
>>Dann hätte ich gerne eine Curry-Wurst.<<
>>Hamma net.<<
>>Dann nehme ich eine Cola.<<
>>Hamma aah net.<<
Im Weggehen schüttelte er den Kopf und sagte: >>Nett…!<<
Er ging die Fußgängerzone bis zum Ende und bemerkte unten am Hallplatz einen Imbiss, auf dessen Schild über der Tür “Brutzelstubb am Sauplacke“ stand, erkennbar an den Schweinsstatuen an der Brücke. Die Frau hinter der Theke schien in seinem Alter, vielleicht ein paar Jahre jünger.
>>Guten Tag. Wird bei Ihnen auch Bratwurst… gebrutzelt?<<
Die Frau antworte im Dialekt: >>Ei jo, isch gebb Ihne ennie.<<
>>Gibt`s bei Ihnen zufällig Kölsch?<<
>>Was is des?<<
>>Bier. Kölsch.<< Er zeigte mit den Fingern die Größe einer Bierflasche.
>>Bei uns gebt`s nur Pils. Isch kann Ihne ach e Altbier anbiete.<<
Er winkte ab. >>Ich nehme dann doch lieber eine Cola.<<
Die Frau bemerkte im Halb-Hochdeutsch und Halb-Dialekt: >>Isch höre raus, dass Sie von Düsseldorf sind. Deswege han isch`s gut gement<<
Feisel lachte höflich: >>Knapp daneben. Ich bin aus Köln.<<
Die Frau lachte: >>Ah…! Jetzt kann isch Sie verschtehen. Isch habe Bekannte in Düsseldorf. Ist ja nischt dasselbe. Sind Sie zu Besuch?<<
>>Kann man so sagen. Was gibt es hier eigentlich für Sehenswürdigkeiten?<<
Die Frau schaute nach draußen und antwortete dann lächelnd im Dialekt: >>Ei, de Zoo, unser ach so scheenes Museum… Han se schun e mol do naus geguckt?<<
Feisel wirkte wie versteinert. >>Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles nur schlecht ist.<<
Sie übte sich im Hochdeutsch. >>Na ja, nicht ganz. Ist immer weniger geworden hier. Auch viele Arbeitgeber von früher gibt`s nicht mehr. Vor ein paar Jahren hatten wir noch einen Flughafen.<<
>>Hier in Zweibrücken?<<
>>Der musste nach EU-Beschluss wegen angeblicher Fehlinvestitionen Insolvenz anmelden und ist jetzt ein privater Sonderlandeplatz.<<
>>Das ist bestimmt auch alles Nährboden für Kriminalität.<<
>>Da sagen sie was.<<
>>Haben Sie schon mal den Namen “Messer-Mike“ gehört?<<
>>Diesen Namen kennt hier jeder. Man erzählt, dass er und seine Freunde junge Mädchen aussuchen und auf den Strich schicken. Dem würde ich die Eier… Huch.<< Sie nahm die Hand vor den Mund und lachte verlegen.
>>Wissen Sie was Genaueres oder sind das nur Gerüchte?<<
>>Der wohnt hinten im Langental mit seiner Schwester in einer Wohnung. Seine Mutter wohnt auch im Langental, aber alleine, arbeitet oben an der Alexanderkirche im Imbiss. Sie hatte schon seit Jahren keinen Mann mehr, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber wer weiß, was die mit den beiden alles mitmacht, sie ist immer mürrisch. Und das Mädchen tut mir so leid.<<
>>Was erzählt man denn noch alles? Erzählt man da auch was mit Waffen?<<
>>Waffen, Drogen… Im Prinzip sind das Asoziale. Gesetzlose halt.<<
>>Aha…<<
>>Ja. Einer, der dort verkehrt, dem sein Bruder geht mit meinem Enkel in die Schule.<<
>>Von dem haben Sie bestimmt einen Namen.<<
>>Mohr heißen die. Der große Bruder heißt glaube ich Tobias. Ja, genau: Tobi nennen ihn alle. Hoffentlich wird man denen das Handwerk legen.<<
Er bedankte sich für die Freundlichkeit und verabschiedete sich.

Erfreut über die Geselligkeit der Bedienung und über zahlreiche Informationen beschloss er, seinen Rundgang fortzusetzen.
Unmittelbar hinter dem Sauplacke, der eigentlich Hallplatz hieß, standen links und rechts zwei größere, weiße Gebäude, die unschwer zu erkennen noch aus der Zeit der Renaissance stammten. Wie er über Handy im Internet nachlesen konnte, handelte es sich im linken Gebäude um das Rathaus und um das Standesamt, im rechten Gebäude waren Amtsgericht, Landesgericht und Oberlandesgericht.
Nachdem er sich über diese Gebäude belesen und diese fotografiert hatte, setzte er seinen Rundgang am Schwarzbach fort in Richtung Gestüt und Pferderennbahn. Er kam aus dem Staunen nicht raus. “Das ist ja wie bei uns in Köln“, dachte er. Von beidem machte er mehrere Bilder.>/span>
Vom gegenüberliegenden Rosengarten glaubte er, schon mal im Fernsehen gehört zu haben. Er nahm sich vor, während seines Besuches aufzusuchen.
Er ging auf der Saarlandstraße an der Festhalle vorbei, die Gegend am Ende kam ihm bekannt vor, dort war nämlich die Landauer Straße, wo auch das Polizeirevier war.
An dieser Kreuzung ging er weiter auf die Molitorstraße, dort an der JVA vorbei, weiter über die Seilerstraße und die Steinhauser Straße und dort oben am Ende, auf der 22er Straße stand ein mehrstöckiges, grünes Gebäude, in dem alle Lichter aus waren, das also entweder wenig oder gar nicht genutzt worden schien. Während er es fotografierte, musste er sich ein Lachen verkneifen und sagte: >>Hamma net.<<
Dann ging er 22er Straße weiter, entdeckte das Bundeswehrgelände, wovon er Bilder machte, dann über die Oselbachstraße auf die Kaiserstraße. Von dort aus kannte er den Weg zum Hotel bereits.
Vor der Dusche telefonierte er noch mit seinem Vorgesetzten in Köln und ging dann schlafen. Der nächste Tag sollte anstrengender werden.


Kapitel 3

Im Büro verschaffte er sich zu allererst Übersicht über Tobias Mohr. Er wunderte sich, dass er sich an diesen Namen nicht erinnerte, denn Mohr wohnte im selben Haus wie Jana und Michael Lauterbach, nur eine Etage darüber.

Tobias Mohr war 30 Jahre alt, von Sabine Mohr geschieden, und saß bereits seit seiner Jugendzeit wegen mehrerer Raub-, Drogen-, und Verstöße gegen das Waffengesetz im Gefängnis. Sexualdelikte waren nicht registriert. Er ging aufs Gymnasium, hatte gute Noten, schloss mit Abitur ab. Eine Lehre begann er nie, sondern hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Zeugen werden später von einem glücklichen Familienleben sprechen, seine Eltern waren wohlhabend. Hinter der Fassade sah es allerdings ganz anders aus: Mohr wurde von Kind auf an getrimmt, wie sein Vater Chemie zu studieren, um eines Tages ebenfalls Leiter eines Chemie-Konzerns zu werden. Während er vom Vater quasi genötigt wurde, wurde er von seiner Mutter verwöhnt, er hatte also zwei extreme Parallelen kennengelernt. Hin- und hergeschoben und geprägt bemühte er sich, nach außen hin ein normales Familienleben zu führen: Er lernte Sabine kennen, die bereits in der Langentalstraße wohnte. Durch sie fühlte er sich erstmals ernst genommen, er zog zu ihr und die beiden heirateten. Jedoch schaffte er es nie, der Parallelwelt zu entfliehen. Er hatte von früh auf gelernt, von früh auf Menschen für sich zu gewinnen und für eigene Zwecke zu benutzen. So führte er über viele Jahre ein Doppelleben, in das er Sabine einbeziehen wollte. Das wollte sie allerdings nicht, und sie ließ sich nach nur zwei Jahren wieder scheiden.

Dann wurden ihm das pathologische Gutachten über die Tote und das Blutuntersuchungsergebnis von Lauterbach eingereicht. Bei der Frau wurde das Sperma von mehreren Männern gefunden, es scheint also entweder eine Massenvergewaltigung gegeben zu haben oder zumindest einen Dreier – ob mit ihrer Einwilligung oder nicht, musste noch geprüft werden. Hämatome wurden an ihrem Körper jedenfalls nicht gefunden. Anschließend wurde sie mit einem Seil stranguliert. Das Blutbild von Lauterbach verriet, dass er die Tage bis zur Festnahme täglich Cannabis und Kokain konsumiert hatte, außerdem war eine der bei der Getöteten gefundenen Spermaproben von ihm.

Als das Büro seines hiesigen Vorgesetzten Stoll betrat, um den Durchsuchungsbeschluss entgegen zu nehmen, wunderte er sich, denn auch Schrader war zugegen.
>>Sie hier?<<
Stoll zuckte lächelnd mit den Schultern. Nach einem gegenseitigen >>Guten Morgen<< bat er Stoll um einen weiteren Durchsuchungsbeschluss. Stoll lehnte aus Mangel an Beweisen ab. Dann wurde das gesamte Ermittlerteam zusammengetrommelt. Auch die Kollegen wunderten sich über Schraders` Anwesenheit.
>>Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen…<<, begann Sie zu reden, sie schaute auch Feisel an >>…, zunächst möchte ich verkünden, dass ich von heute an die Trauer nur noch auf mein Privatleben beschränken werde, ebenso die psychologische Behandlung. Medikamente nehme ich keine mehr, und ich bin ab heute wieder im Dienst.<<
Tosender Beifall von allen.
Dann sprach sie weiter: >>Wir haben heute einen wichtigen Einsatz vor uns, es geht um die Tötung unseres lieben Kollegen Steiner, dessen Beerdigung übrigens morgen in Ixheim stattfinden wird. Außerdem ermitteln wir wegen Tötung und Vergewaltigung an Frau Sabine Mohr.<<
Feisel mischte sich ein. >>Entschuldigung? Mohr? Frau Kollegin, ich übernehme. Noch ist es mein Fall.<<
>>Also. Ich hab` inzwischen herausgefunden (er hielt die Akte in die Höhe), dass in- und auf der getöteten Mohr mehrere Spermaspuren gefunden wurden, eine davon ist von unserem Verdächtigten Lauterbach.
Im Raum herrschte Totenstille.
>>Außerdem habe ich gestern erfahren..,<< er sah Schrader an >>…, dass der Ex-Ehegatte von Frau Mohr über der Wohnung der Lauterbachs wohnt, was auch im Computer nachzulesen ist. Herr Mohr ist einschlägig wegen mehrerer Raub- und Drogendelikten und Verstößen gegen das Waffengesetz vorbestraft. Die Einschusslöcher in der Hauswand des Hauses, in der Frau Mohr gewohnt hat, zeigen an, dass im Haus, in dem Mohr und Lauterbach wohnen, von oben aus geschossen wurde. Also jemand, der entweder im zweiten und dritten Stockwerk, und dort links oder rechts, gewohnt hat. Natürlich vermuten wir alle, wir brauchen aber Beweise. Und die werden wir heute liefern. Wir bilden also zwei Teams und durchsuchen zwei Wohnungen, und wir stellen beide Wohnungen bis auf den äußersten Winkel auf den Kopf. Wir suchen nach allem, was mit Waffen und mit Drogen zu tun hat. Solange wir vor Ort sind, wird jede Person gründlichst untersucht, die entweder ins Haus rein möchte oder aus dem Haus raus. Zu klingeln brauchen wir nicht, wir haben die Schlüssel von den Lauterbachs. Abmarsch!<<

Mit vier Kriminalbeamten und acht Beamten von der Schutzpolizei in insgesamt sechs Autos machte man sich auf den Weg nach Bubenhausen in die Langentalstraße.
Unterwegs fragte Schrader Feisel: >>Wie haben Sie rausgefunden, dass der Ex von Frau Mohr…?<<
>>Steht im Computer.<<
Schrader sah aus dem Fenster. Sie wirkte enttäuscht und gedemütigt zugleich.
>>Ich nehme Ihnen das nicht übel, Frau Kollegin. Sie haben im Moment anderes im Kopf.<<
>>Ich bin wieder voll im Dienst. Okay?<<
>>Hallooo! Ist doch alles wieder im Lot. Wir fahren da jetzt gemeinsam hin und klären den Fall. Und zwar gemeinsam. Hm?<<
>>Und das kurz vor meiner Prüfung.<<
>>Sie wollen wirklich? Ich meine…<<
Schrader sah zu ihm hinüber. >>Ich hab` zu lange dafür gebüffelt. Mit dem Unfall hat niemand rechnen können. Ich werd`s probieren. Wie sind Sie überhaupt auf Mohr gekommen?<<
>>Frau Kollegin, Sie sollten sich einfach mal mit den Menschen hier im Ort unterhalten.<<
>>Wir sind übrigens die kleinste kreisfreie Stadt Deutschlands.<<
>>Oh…! Entschuldigung.<<
>>Und Sie haben sich hier unterhalten?<<
>>Ei jo, isch kann sogar schun e bisje pälzisch.<<
Schrader lachte laut auf. >>Fast so gut wie ich Kölsch.<<

Kurz darauf erreichten sie den Tatort. Im Auto sagte er noch: >>Frau Kollegin, dann zeigen Sie mal, was Sie gelernt haben. Sie gehen mit unserem Kollegen und vier Kollegen von der SchuPo nach oben zu Mohr. Wir logischerweise in die Wohnung der Lauterbachs.<<
Nachdem Feisel unten die Haustür aufschloss, hielt er kurz inne und legte zunächst seinen Zeigefinger auf den Mund, als Zeichen für Heranschleichen. Dann zeigte er nach unten auf seine Dienstwaffe und öffnete das Holster. Dann zeigte er auf einen Kriminalbeamten, dann auf sich selbst und auf vier Beamten der Schutzpolizei, und dann nach oben und streckte zwei Finger. Anschließend dasselbe mit Schrader und mit drei gestreckten Fingern. Nachdem alle nickend zugestimmt hatten, gingen sie ins Haus.

Feisel wartete, bis Schrader und die Kollegen mit der Hand am Holster vor Mohrs` Wohnungstür standen und sturm klingelten. Dann schloss er die Wohnung der Lauterbachs auf.

Von oben war zu hören, wie eine Tür geknallt wurde. Dann rief Schrader: >>Sofort Aufmachen! Polizei!<< und sie klingelte erneut sturm. Als niemand reagierte, wurde die Tür eingetreten. >>Hinlegen! Auf den Boden! Sofort! Hinlegen! Hände in den Nacken!<<
Vom Verdächtigten war nichts zu hören. Einen Moment führten zwei Beamte der Schutzpolizei den Verdächtigten in Handschellen ab. Er war ca. 1,85m groß, trainiert, sonnenbankgebräunt, nicht tätowiert, und wies ein gepflegtes Äußeres vor.
Kurz darauf klingelte Feisels` Handy.
>>Der Winkel passt.<<, sagte Schrader. >>Wir durchsuchen jetzt die Wohnung.<<
Feisel stimmte zu und legte auf. Nachdem er im Zimmer zur Hausvorderseite ans Fenster getreten war, die Straße befand sich rechts des Hauses nach oben, bemerkte er unten zwei Frauen. Eine sprach gerade und zeigte nach oben. Dies bemerkte auch ein Beamter, der sich zu Feisel gesellte.
>>Her Hauptkommissar, die Presse ist auch da.<<
>>Keine Chance. Es geht niemand rein und raus.<<

>>Wir haben was!<<, rief Schrader von oben.
>>Alles mitnehmen. Auch Bürsten und ein Glas oder alles, woraus wir DNA gewinnen können<<, rief Feisel.
>>Okay.<<

Derweil durchsuchten er und die anderen die Wohnung der Lauterbachs.
>>Auch hier: Alles mitnehmen, was uns Beweise liefert.<<
Die Kollegen stimmten zu und durchforsteten zunächst Janas` Zimmer.
>>Chef…!<<, rief ein Beamter der Schutzpolizei. Feisel ging zu ihm in. Der Schutzbeamte zeigte Feisel jede Menge Reizwäsche im Schrank.
Er kommentierte: >>Die Pornosammlung interessiert uns nicht. Was hier gelaufen ist, wissen wir auch so. Drogen verstecken viele in Behältnissen. Schauen Sie auch in der Matratze nach.<<
Der Beamte nickte.

Auch von oben war Gepolter zu hören. Feisel ging zu den Kollegen nach oben.
>>Bisher nichts. Wie sieht`s bei euch aus?<<
Plötzlich war aus der Nachbarwohnung ein lautes >>Hilfe!<< zu vernehmen.
Feisel fragte nach: >>Hallo? Kripo Zweibrücken. Machen Sie uns bitte die Tür auf.<<
Dann wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet, sodass man gerade mal die Hand senkrecht hätte hindurchstecken können. Die Tür war von innen mit einer kleinen Kette mit dem Türrahmen verbunden. Dann sah man ein Auge, und schneeweiße Haare. Die Person war sehr klein und sehr dünn, also offensichtlich eine Seniorin.
>>Wer sind Sie?>> Die alte Dame war total eingeschüchtert.
>>Feisel mein Name. Kriminalpolizei.<<
>>Ist er weg?<<
Er zeigte ihr seine Handinnenfläche und redete ruhig auf sie ein. >>Hören Sie…, äh…, Frau Breuer (ihr Name stand an der Klingel), ich zeige Ihnen meinen Dienstausweis.<<
Die Dame nahm den Dienstausweis entgegen und schloss die Tür von innen.
>>Frau Breuer?<<
Dann öffnete Frau Breuer die Wohnungstür hastig, war mit einem Schritt bei Feisel, umarmte ihn und begann zu weinen. Er nahm es gelassen, sie wirkte aufgelöst.
>>Vielen, vielen Dank. Gott sei Dank. Ich habe seit Tagen nicht geschlafen vor Angst. Er war bei mir in der Wohnung.<<
Feisel zeigte hinter sich in Richtung Wohnung Mohr. >>Wer? `Er`?<<
>>Na ja, einer von beiden.<<
Er legte ihr die Hand auf den Rücken, wie umarmte ihn noch immer. Er dachte aber auch an Schrader, sie würde sowieso als Nebenklägerin auftreten, das sollte aber noch nicht jetzt sein. Er schaute sich nochmal um und bemerkte, dass Schrader gerade nicht anwesend war.
>>Frau Breuer. Ich schlage vor, Sie laden mich zum Kaffee ein und dabei erzählen Sie mir, was sie gesehen haben.<<
Sie stimmte schluchzend zu. Feisel ließ in der Wohnung Mohr verlauten, dass er sich im Gespräch befindet und nicht gestört werden möchte.

>>Hier am Fenster hat er gestanden.<< Frau Breuer zeigte noch immer um Fassung ringend auf ihr Schlafzimmerfenster.
>>Setzen Sie sich erst mal, Frau Breuer. Soll ich Ihnen beim Kaffeekochen helfen?<<
>>Ja, gerne.<<
Er setzte Kaffee auf. Ihn interessierte, inwiefern die nun eben gewonnene Hauptzeugin vernehmungsfähig ist, auch für die Zukunft. Möglicherweise würde sie sich zu sehr aufregen.
>>Nehmen Sie Medikamente, Frau Breuer?<<
>>Nein. Das ist sehr nett, dass sie fragen. Ich bin geistig noch voll da. Nur der Körper will im Alter nicht mehr so. Damals mit den Russen habe ich ganz andere Sachen erlebt. Aber das ist man nach so vielen Jahren nicht mehr gewohnt, auch wenn es sich ins Gehirn eingebrannt hat. Man verdrängt so vieles. Aber in dem Moment, als der da stand und geschossen hat, war alles wieder da.<<
>>Sie haben mein vollstes Verständnis, ich bin selber ein Kind nach einer Kriegsgeneration. Meinen Sie denn, dass Sie das Ganze hier nochmal zusammenbekommen, um das protokollieren zu können?<<
>>Dauert einen Moment, ich bin so erleichtert. Als ich Sie vorhin gesehen habe, ist alles von mir herab gefallen. Das sind jetzt Freudentränen.<<
>>Dann erzählen Sie, wenn Sie möchten, Frau Breuer. Und bitte keinen Stress. Der Mann nebenan ist verhaftet.<<
>>Ich hörte da draußen im Treppenhaus jemanden laut rufen. Währenddessen war ich im Wohnzimmer und habe fern gesehen. Erst dachte ich, ich hätte mich vertan.<<
>>Haben Sie verstanden, was da gerufen wurde?<<
>>Nein, ich glaube nicht.<<
>>Vielleicht sowas wie `Bullen`?<<
>>Ja, das klingt sehr ähnlich! Dann bin ich an die Tür, um nachzusehen. In dem Moment, als ich die Tür aufmachte, drückte ein Mann, der viel größer war als ich, die Tür auf.<<
>>Haben Sie ihn erkannt?<<
>>Nein, er war maskiert und komplett schwarz gekleidet. Von der Körpergröße her könnte es der da drüben gewesen sein.<<
>>Nachdem er die Tür aufgedrückt hat. Was war dann?<<
>>Er hat seinen Finger auf meinen Mund gelegt und leise gezischt, und dabei einen Revolver in der Höhe seines Gesichts gehalten.<<
>>Hatte er bloße Hände oder hatte er Handschuhe an?<<
>>Weiß ich nicht mehr.<<
>>Wissen Sie noch, welche Art von Kleidung er getragen hat?<<
>>Alles in schwarz. Auf Details habe ich nicht geachtet.<<
>>Wie haben Sie dann reagiert?<<
>>Ich glaube, ich habe meine Hände vor mein Gesicht gehalten, ich weiß nur noch, dass ich plötzlich schreckliche Angst hatte. Ich war aber verwundert, dass er an mir vorbei ging, dass er mich gar nicht meinte. Was soll hier auch zu holen sein, ich habe nur eine kleine Witwen-Rente. Jedenfalls war ich neugierig und verdutzt zugleich, hab` mich ihm in Richtung Schlafzimmer hinterhergeschlichen. Dann habe ich gesehen, wie er das Fenster aufgemacht und geschossen hat. Ich wusste gar nicht, auf wen oder auf was. Er hat einfach ein paar Mal nach drüben in Richtung des anderen Hauses geschossen.<<
>>Sind Sie dann wieder zurück in ihren Flur?<<
>>Ich bin im Wohnzimmer vor der Schlafzimmertür stehen geblieben. Er hat wieder den Finger auf den Mund gelegt und leise gezischt. Dann ist er raus und hat die Wohnungstür hinter sich zugezogen.<<
>>Können Sie sich an seine Augen erinnern?<<
>>Kann sein, dass ich die gesehen habe. Erinnern kann ich mich jedenfalls nicht mehr. Aber das laute Knallen habe ich jetzt noch im Ohr.<<>>Hat es Sie gar nicht interessiert, auf wen oder was er geschossen hat?<<
>>Sie sind gut. Auf Kaninchen bestimmt nicht. Schon gar nicht in schwarzer Kleidung. Als der raus ging, hörte ich schon von weitem die Sirenen, das Fenster war ja noch offen. Des halb hatte ich gar nicht erst das Bedürfnis, nachzusehen.<<
>>Wurde aus der Wohnung nebenan auch geschossen?<<
>>Nein. Nicht, dass ich wüsste. Der war doch hier bei mir. Jedenfalls glaube ich, dass er das war. Er hat bestimmt fünf oder sechs Mal geschossen.<<
>>Können Sie sich denn zufällig an eine Frau erinnern (er meinte auch Schrader und Sabine Mohr)?<<
Sie überlegte kurz. >>Nein. Da drüben im anderen Haus muss wohl was passiert sein, ich habe die ganzen Autos gesehen und davon gehört. Ansonsten wüsste ich nur generell von dem Mädchen da unten.<<
>>War sie auch dabei oder im Hausflur?<<
>>Nein. Ich sagte doch: Generell, als Nachbarn. Das arme Mädchen hat ja auch so viel gelitten.<<
>>Wie fit fühlen Sie sich jetzt?<<
>>Danke, schon besser. Es tut so gut, endlich mit jemandem darüber zu reden.<<
>>Den Kaffee haben Sie übrigens sehr lecker gekocht.<<
Frau Breuer lachte.

Im selben Moment rief Schrader ihn an. >>Interessante Funde, Herr Kollege: Zwei Ski-Masken, zwei Paar schwarze Lederhandschuhe, zwei schwarze Sonnenbrillen, zwei verschiedene Paar Turnschuhe, eine Pistole und einen Revolver.<<
>>Ich komme gleich hoch.<<

>>Untersuchen Sie auch den Speicher?<<, fragte Frau Breuer verwundert.
>>Nein. Alles gut.<<, lächelte Feisel. >>A propos Untersuchungen: Wir können das rechtlich nicht einfach als Vier-Augen-Gespräch abheften…<<
>>Ja, ich weiß, Sie brauchen Beweise.<<
>>Genau. Ehrlich gesagt würde ich Ihnen jetzt gleich die Kollegen vorbeischicken, die sich um Fingerabdrücke und sowas kümmern.<<
>>Kein Problem, ich habe in der Zwischenzeit nichts gesäubert. Dann kann ich ja später wenigstens die Fenster putzen.<<
>>Oh, fleißige Biene. Und das in dem Alter.<<
Frau Breuer fühlte sich geschmeichelt.
>>Und Sie sind der Meinung, dass Sie hier alleine fertig werden, ich meine gesundheitlich? Können Sie denn heute Abend schlafen?<<
>>Ich werde jetzt bestimmt wieder gut schlafen können.<<
>>Darf ich mir vielleicht noch ihre Ausweisdaten notieren?<<
>>Aber ja. Moment.<<
Ihr Ausweis verriet, dass die Frau Maria Breuer hieß und 86 Jahre alt war. Er fotografierte den Ausweis einfach beidseitig.
>>Frau Breuer, Sie haben uns sehr geholfen. Ich schicke Ihnen heute Nachmittag die Kollegen von der Spurensicherung. Darf ich Sie mit auf die Wache nehmen, damit wir protokollieren können?<<
>>Entschuldigung, kann das bis morgen warten? Wenn Ihre Kollegen dagewesen sind, möchte ich gerne ein wenig schlafen.<<
Feisel hätte eigentlich lieber gestern alles aufgenommen, die Verdächtigten müssen nach maximal 48 Stunden wieder freigelassen werden.
>>Aber bitte morgen. Wir holen Sie sehr gerne morgen früh ab.<<
>>Ja, das dürfen Sie, mich abholen. Das ist sehr nett.<<
>>Also dann: Bis morgen früh. Und danke für den Kaffee.<<
>>Ja, danke ihnen auch. Und Ihnen alles Gute.<<
Da sich Feisel im Geiste bereits nebenan in der Wohnung bei Tobias Mohr befand, hatte er nur beiläufig mitbekommen, was sie gesagt hatte, es aber wohl schnell wieder verdrängt.

>>Haben Sie was Interessantes gefunden?<<, fragte Schrader.
Er lachte verlegen. >>Eine ganze Menge.<<
>>Wir auch. Schauen Sie mal.<< Sie zeigte ihm die Pistole, den Revolver, die dazugehörige Munition, und die Ski-Masken, die Munition, alles bereits eingetütet. >>Dann haben wir eine Machete, ein Butterfly-Messer, ein Hanfseil, K.O.-Tropfen, und zwei Kilo Cannabis und ein halbes Kilo Kokain gefunden.<<
>>Wahnsinn. Mit dem Zeugs haben die ihre Opfer high gemacht, und mit dem Zeugs eingeschüchtert und nach den Sex-Spielchen getötet. Ach, da fällt mir ein: Ich muss mal telefonieren.<<
Zum Telefonieren ging er unten vor die Tür, er verständigte die Spurensicherung. Schrader sollte von dem Gespräch mit Frau Breuer noch nichts wissen.>/span>

Er ging nicht wieder nach ganz oben in die Wohnung Mohr, sondern in die Wohnung Lauterbach.
>>Liebe Kollegen. Wie sieht`s aus? Was haben Sie gefunden?<<
>>Jede Menge Drogen: Gut und gerne 50 Gramm Cannabis, etwa 20 Gramm Kokain und K.O.-Tropfen. Sonst nichts.<<
>>Waffen?<<
>>Keine.<<
>>Hab` ich mir fast gedacht.<<
Dann ging Feisel nach draußen in den Hausflur und rief: >>Alles zusammenpacken, Abmarsch!<< Die Kollegen folgten mit Sack und Pack.
Unterwegs fragte Schrader Feisel: >>Waren Sie zum Kaffeekränzchen verabredet?<<
>>Das erzähle ich Ihnen später.<<
Schrader schwieg ein paar Minuten lang, Sie befürchtete etwas, ihr Blick sah angestrengt aus.
>>Hat es was mit den Ski-Masken und den Waffen zu tun?<<
>>Frau Kollegin. Wir besprechen nachher sowieso alles gemeinsam.<<
Kurz vor Einfuhr in die Landauer Straße, wo sich die Wache befand, fuhren die Kollegen der Spurensicherung an Ihnen vorbei. Feisel winkte ihnen lächelnd zu, er freute sich, was Schrader bemerkte.

>>Das muss alles in die kriminaltechnische Abteilung (KTU). Es eilt. Wenn alles abgegeben ist, machen wir Mittag. Danach haben wir zu tun, eventuell mit Nachtschicht<<, rief er nach Ankunft in der Wache.
Ein Raunen ging durch den Raum.
>>Sie haben mir was mitzuteilen. Wenn es dienstlich ist, dann erst recht.<<, sprach Schrader ihn unter vier Augen an.
>>Frau Kollegin…<< Erst seufzte er, dann lächelte er verlegen. >>Sie haben Recht. Darf ich Sie zu einer Pizza einladen? Ich möchte nicht, dass Sie es vor allen Kollegen erfahren.<<
>>Was denn so wichtig?! Bin ich schwanger?<<
>>Im Ernst: Ich fände es besser, wenn wir uns alle erst mal stärken. Bitte.<<>>Ich lade Sie zur Pizza ein, wenn Sie mir endlich verraten…<<
Sie wurden vom Vorgesetzten Stoll unterbrochen.
>>Entschuldigung für die Störung. Waren Sie nicht eben in der Langentalstraße?<<
Ein zweistimmiges >>Ja<< kam zurück.
>>Die SpuSi auch. Die standen zunächst vor verschlossener Tür.<<
>>Vielleicht ist sie schnell einkaufen gegangen.<<, regte Feisel an.
>>Nee, leider nicht. Wir mussten die Tür aufmachen lassen. Die Spuren haben wir noch entnehmen können, während Frau Breuer auf dem Sessel friedlich eingeschlafen ist. Für immer.<< Dann verließ Stoll das Büro wieder.
Feisel überlegte kurz. >>Ach… Sie war zuerst total aufgelöst und dann erleichtert, und zum Schluss hat sie mir alles Gute gewünscht. Da musste die arme Frau kurz vor ihrem Ableben noch auf solch erschreckende Weise dem Tod begegnen.<<
>>Sehen Sie…<<, begann Schrader, >>…, so überbringt man… Moment, wer ist Frau Breuer?<<
>>Sehen Sie, Frau Kollegin, genau das wollte ich Ihnen schonender beibringen. Sie hat den zweiten Schützen gesehen. Es ist Mohr. Uns fehlen nur noch die Beweise.<<
>>Mohr und Lauterbach?<< Schrader drehte den Kopf weg in Richtung Fenster und verzog ihr Gesicht.
>>Sie hatten Recht mit ihrer Aussage: Es waren zwei Schützen. Ganz offensichtlich, aber bis jetzt ohne Beweise, Mohr und Lauterbach. ja. Ich glaube, Sie brauchen jetzt ein paar Minuten für sich. Sie finden mich in der Kantine.<< Er legte beim Rausgehen für einen Moment seine Hand auf ihre Schulter.

Schrader betrat die Kantine, als etwa die Hälfte der Pause vorbei war. Sie aß nur einen Snack. Nach der Mittagspause war führte Feisel die Teambesprechung an.
>>Wie weit sind die kriminalistischen Auswertungen?<<
>>Liegen noch nicht vor.<<, sagte einer der Spurensicherung.
>>Na dann: Bitte gleich nach der Besprechung. Uns steht Arbeit bevor. Lauterbach muss als erster vernommen werden. Ohne kriminalistische Beweise muss er spätestens morgen entlassen werden.<<
>>Wir haben die Drogen.<<
>>Das reicht maximal für eine Anzeige, und mit der Menge auch für eine Verurteilung. Wir brauchen Beweise für die Verbindung zwischen Michael Lauterbach und Tobias Mohr. Es muss geklärt werden, warum Mohr und Lauterbach aus zwei verschiedenen Wohnungen geschossen haben, und warum Mohr seine Ex-Frau umgebracht hat oder jemand anderes. Auch Jana Lauterbach könnte ohne Beweise als Schützin infrage kommen. Eine der Spermaspuren stammt von Michael Lauterbach, es gibt aber mindestens zwei. Außerdem: hatte auch Michael Lauterbach zu Frau Mohr eine persönliche Bindung? Es ist auch zu klären, ob gegen das Prostitutionsgesetz verstoßen wurde – möglicherweise wurden Frau Mohr und Jana Lauterbach als Prostituierte missbraucht. Frau Lauterbach, der Mutter der beiden, habe ich auch eine Ladung zur Vernehmung geschickt, es kann nicht sein, dass zwei Minderjährige in einer anderen Wohnung leben als deren Betreuung.<<
>>Michael Lauterbach ist 25.<<, rief einer dazwischen.
>>Sind Sie sicher?<<
>>So steht`s im Ausweis.<<
>>Nochmal die Frage: Sind Sie sicher? Tot ist man, wenn ein Arzt den Tod feststellt. Behindert ist man, wenn ein Arzt die Behinderung diagnostiziert. Ist das nicht der Fall, ist man rechtlich nicht behindert, auch wenn äußerliche Merkmale einer Behinderung vorliegen. Seit Jahrhunderten hat es umgekehrte Fälle gegeben, manche waren in einer Nervenheilanstalt untergebracht, es wurde also eine Erkrankung diagnostiziert, obwohl menschliche Züge vorhanden waren.<<
>>Sie meinen, Mohr hat Lauterbach benutzt?<<, regte Schrader an.
>>Davon gehe ich aus, Frau Kollegin. Nur beweisen müssen wir es noch. Ich will jedes Ergebnis aller kriminalistischen Untersuchungen umgehend vorliegen haben. Viel Erfolg.<<

Während alle aufbrachen, bestellte er Schrader zu sich ins Büro.
>>Ehrlich gesagt halte ich es – aus moralischen Gründen – für sinnvoll, wenn Sie sich ausschließlich um die junge Frau Lauterbach kümmern.<<
Schrader überlegte kurz. >>Ich weiß, was sie meinen, und ich weiß das auch zu schätzen. Nur muss ich später in der Verhandlung sowieso aussagen.<<
>>Eben. In der Verhandlung sowieso. Nur im Moment möchte ich Ihnen keine Gefühlsschwankungen zumuten. Ich meine, morgen ist die Beerdigung und noch in dieser Woche findet ihre Prüfung statt.<<
Kurze Gesprächspause.
>>Ich schlage vor, dass Sie Jana und ihre Mutter vernehmen. Wenn Sie möchten, bin ich dabei. Um Mohr und um Lauterbach kümmere ich mich, und Sie entscheiden spontan, ob Sie dabei sein möchten.<<
Schrader überlegte kurz und stimmte dann zu.

Im selben Moment, in dem Jana Lauterbach von Schrader ins eine Vernehmungszimmer geführt wurde, holten zwei andere Kollegen Michael Lauterbach ins andere Vernehmungszimmer.
>>Loss mei Schweschter in Ruh`, du Fotz`!<<, rief Lauterbach zu Schrader. Feisel sah Schrader an und runzelte die Stirn. Sie tat so, als hätte sie es nicht gehört.
Das Vernehmungszimmer war schallgeschützt. Es hatte zwei venezianische Spiegel, so konnte man von außen reinsehen, von innen waren die Fenster allerdings verspiegelt. Im Raum standen ein Tisch mit je 2 Stühlen, außerdem ein Stuhl an der Wand. Auf dem Tisch stand ein Mikrofon. Das Licht war gedämmt. Stenzel nahm auf dem Stuhl an der Wand Platz, er kreuzte Arme und Beine, Schrader und Jana Lauterbach am Tisch. Schrader saß offen mit den Händen auf dem Tisch, Jana kreuzte ebenfalls Arme und Beine, außerdem wippte sie nervös mit einem Bein, ihren Oberkörper hatte sie nach vorne gebeugt und so ihre Unterarme auf ihren Beinen abgestützt. Schrader schaltete das Mikrofon an und eröffnete die Vernehmung.

>>Zweite Vernehmung mit Jana Lauterbach. Die Vernehmung führt KOK Nicole Schrader, anwesend ist auch KHK Mathias Feisel, er führt die Ermittlungen an.<<
Dann lehnte sie sich zurück, atmete durch und wartete eine Sekunde lang.
>>Frau Lauterbach. In der ersten Vernehmung haben Sie mir erzählt, dass Sie Frau Sabine Mohr kannten. Inwiefern kannten Sie sich?<<
>>Sie war meine Sis.<<
>>Also eine Art schwesterliches Verhältnis.<<
>>Ja.<<
>>Ich muss Sie etwas Intimes fragen: Beruhte der Kontakt zu Frau Mohr auf einer Bekanntschaft, auf persönlicher Ebene oder hatten Sie auch Sex mit ihr?<<
Jana Lauterbach behielt ihr Gesicht in Richtung Schrader, schielte aber in Richtung Feisel. Man konnte ihr ihre Verlegenheit ansehen.
>>War es freiwillig?<<
Wieder die gleiche Reaktion. Feisel hörte und sah aufmerksam mit. >>Frau Lauterbach, ich bin nicht mit privaten Absichten hier. Sie dürfen frei sprechen.<<, bemerkte er.
Jana sprang auf und fasste sich an den unteren Saum ihres Tops. Feisel sprang ihr entgegen und redete ihr ruhig zu. >>`Das` brauchen Sie nicht mehr. Sie brauchen uns nichts zu zeigen, das ist jetzt vorbei. Frau Kollegin, ich finde, Sie sollten alleine weiter machen.<<
Schrader nickte. Jana Lauterbach wusste selbstverständlich nichts von einem venezianischen Spiegel.
>>War es freiwillig?<<, fragte Schrader erneut, nachdem Feisel den Raum verlassen hatte.
>>Nein.<< Sie begann zu weinen.
Schrader wartete, bis sich Jana beruhigt hatte.
>>Der Herr Mohr wollte das so.<<, antwortete dann.
>>`Der Herr Mohr?`<<
>>Ja. Ich und mein Bruder mussten immer `Herr Mohr` zu dem sagen.<<
>>Von Anfang an?<<
>>Ja. Ich hab` den kennengelernt, als ich noch jünger war.<<
>>Wie alt waren Sie zu diesem Zeitpunkt?<<
>>Vierzehn. Und wenn er dabei war, mussten wir Sabine immer mit `Frau Mohr` ansprechen. Wenn er nicht dabei war, haben wir uns heimlich geduzt. Aber wenn er dabei war…<<
>>Wie haben Sie die beiden denn kennengelernt?<<
>>Durch mein Bruder. Sabine kannte ich früher nur vom Sehen, sie wohnte ja über uns. Irgendwann ist der Mohr zu ihr gezogen. Wenig später haben die beiden geheiratet. Und dann hatte mein Bruder irgendwann mit dem zu tun. Irgendwann immer öfter.<<
>>Ist Ihnen, bevor Sie die beiden kennengelernt haben, irgendwann etwas Besonderes aufgefallen? Vielleicht häufiger Streit?<<
>>Ja. Die beiden haben immer öfter gestritten.<<
>>Haben Sie aus den Streits heraushören können, wie die beiden miteinander geredet haben?<<
>>Na, laut halt.<<
>>Ich meine eher das Kommunikationsniveau. Aggressiv, beleidigend, und sowas.<<
>>Nee.<<<7span< >>Waren beide im Streit laut?<<
>>Sie eher. Er nicht so.<<
>>Eher so, wie ihr Bruder spricht?<<
>>Nee. Anders.<<
>>Haben Sie vielleicht raushören können, um was es bei deren Streits ging?<<
>>Sie hat oft gesagt, er soll die Finger von ihr lassen.<<

Kurze Pause.

>>Wie war das Verhältnis zu Ihrem Bruder? Ich meine, war Ihr Bruder vor dem Kennenlernen von Herrn Mohr zu Ihnen anders?<<
>>Ja. Wir kamen voll gut miteinander aus. Deswegen hat unsere Mutter uns auch zu zweit in einer Wohnung wohnen lassen und sie zwei Blocks weiter. Aber unsere Mutter ist die Mieterin von beiden Wohnungen.<<
>>Haben Sie und Ihr Bruder einander geliebt?<<
>>Klar.<<
>>Zwischenmenschlich? Oder auch körperlich?<<
>>Bevor der Mohr bei uns im Haus eingezogen war, war die Beziehung zu meinem Bruder nur menschlich. Später fing mein Bruder an, mich im Bad zu bespannen und zu filmen und mir seinen Steifen gezeigt. Er hat gesagt, er würde die Bilder und Videos ins Netz stellen, wenn ich nicht tue, was er sagt.<<
>>Und? Haben Sie?
>>Anfangs nicht. Aber dann fing er auch an, mich zu schlagen, wurde mir gegenüber immer öfter aggressiv.<<
>>Warum haben Sie das Ihrer Mutter nicht erzählt?<<
>>Hab` ich doch.<<
>>Und dann?<<
>>Dann hat sie ihn darauf angesprochen, und er wurde mit der Zeit immer aufdringlicher.<<
>>Hat er sie angefasst?<<
>>Ja.<<
>>Wie denn?<<
>>Er hat mir in die Brust gekniffen, mich `Bitch` genannt. Sowas halt.<<
>>Hat er sie auch mal versucht, im Schlaf zu berühren?<<
>>Das weiß ich doch nicht. Wenn man schläft, dann schläft man.<<
>>Sind Sie nie irgendwann mal wach geworden, während er Sie im Schlaf berührt hat?<<
>>Nee.<<

Wieder kurze Pause.

>>Hat sich auch Tobias Mohr Ihnen genähert?<<
>>Persönlich oder…?<<
>>Erzählen Sie`s mir.<<
>>Nach ein paar Monaten, nachdem mein Bruder ihn kennengelernt hat.<<
>>War ihr Bruder dabei?<<
>>Nee.<<
>>Wo war der?<<
>>Der war oben bei Sabine.<<
>>Zum gleichen Zeitpunkt?<<
>>Ja.<<
>>Und wie…?<<
>>Der Mohr hat zuerst gesagt, wie hübsch ich bin, und dass er der Meinung ist, dass ich für einen anderen viel zu schade bin. Irgendwann hat er aber gesagt, dass ich mich nicht wundern muss, dass ich keinen Freund habe, weil ich so hässlich bin.<<
>>Hat ihr Bruder davon mitbekommen?<<
>>Wenn er gesagt hat, dass ich hässlich bin, war mein Bruder immer dabei.<<
>>Verstehe… Haben Sie mitbekommen, ob Herr Mohr und seine Frau da schon Streitereien hatten?<<
>>Nee, ich glaube, das war noch davor.<<
>>Wenn Herr Mohr sich negativ zu Ihrem Äußeren geäußert hat…, ich möchte das nicht so wiederholen…, wie hat Ihr Bruder dann reagiert?<<
>>Der hat nix gemacht. Manchmal hat er dabei gegrinst.<<
>>Hatte er dabei rote Augen?<<
>>Ja. Die kiffen doch beide und nehmen Koks.<<
>>Haben die beiden das auch gemacht, während Sie dabei waren?<<
>>Nee.<<
>>Sie wussten also, dass beide Drogen nehmen. Warum haben Sie das nie gemeldet?<<
>>Die hätten mich doch…<< Jana Lauterbach wurde von einem Weinkrampf unterbrochen.

Einen Moment später.

>>Hat Tobias Mohr Sie jemals geschlagen?<<
Jana Mohr legte weinend ihre Hände ins Gesicht und nickte.
>>Okay. Das reicht für heute. Sie werden abgeholt.<<
Ein Beamter der Schutzpolizei betrat den Raum und führte Jana Lauterbach nach draußen.

Kurz darauf betrat Feisel den Verhandlungsraum.
>>Drecksau.<<, bemerkte Schrader.
Feisel war bewusst, dass sie nicht ihn meinte, sondern Mohr. >>Gute Arbeit, Frau Kollegin.<<, bemerkte er.
>>Ich hab` grad Kopfkino vom allerfeinsten.<<
>>Lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen. Ich kümmere mich nachher um Michael Lauterbach.
Schrader stimmte nickend zu.


Kapitel 4

Zurück aus der Kantine besprachen Schrader und Feisel die Vernehmung mit Jana Lauterbach und die anstehende mit ihrem Bruder.

>>Ich sag` Ihnen: Der hat beide benutzt.<<, begann Schrader das Gespräch.
>>Ist mir schon klar, hab` ich auch schon erwähnt. Und das übrigens nicht nur die Geschwister Lauterbach, sondern auch seine Ex, seine Eltern und alle Menschen, mit denen er zu tun hatte.<<
>>Hm…<<, nickte Schrader stimmend zu. >>Der Mann ist hochgradig gefährlich. Er dürfte unser Haupttäter sein.<<
>>Da bin ich mir sicher. Ist Ihnen aufgefallen, dass Michael Lauterbach und Mohr dieselben Drogen nehmen?
>>Ist ja nicht zu übersehen. Dass bei Michael Lauterbach in dieselben Drogen gefunden worden sind, nur in kleineren Mengen, deutet darauf hin, dass die Drogen eine Art `Geschenk` für Lauterbach sind, um irgendwas anderes zu vertuschen.<<
>>Und wie erklären Sie sich den sexuellen Kontakt zwischen Lauterbach und seiner Schwester?<<
>>Mohr hat ihn dazu angestachelt, da bin ich mir sicher. Auch, um irgendwas zu vertuschen.<<>>Sehr gut, Frau Kollegin. Aber was?<<
>>Den Mord an Sabine Mohr?<<
>>Bingo. Es gibt mindestens zwei Spermaspuren. Und eine stammt definitiv von Lauterbach. Die andere stammt hundert Pro von Mohr, dessen bin `ich` mir sicher.<<
>>Sie meinen, beide haben…?<<
>>Ich meine, beide haben…, und dann hat Mohr Lauterbach dazu benutzt, Sabine Mohr umzubringen.<<
>>Mit welchem Motiv?<<
>>Rache. Für die Demütigung, die Frau Mohr Tobias Mohr angetan hat, indem sie ihn verlassen hat. `Er` wollte bestimmen, wann Schluss ist, und `Er wollte den Schlussstrich ziehen. Lesen Sie seine Akte, dann wissen Sie, was ich meine.<<
>>Ja, ja… Schwere Kindheit, bla, bla, bla.<<
>>Nee, nix `bla, bla`. Tobias Mohr wurde schon als Kind extremen Gefühlsschwankungen ausgesetzt. Diesem Karussell hat er nie entkommen können.<<
Schrader dachte kurz nach. >>Stimmt, Jana Lauterbach hat vorhin von den Streitereien zwischen Mohr und seiner damaligen Frau erzählt…<<
>>Eben. Seine Frau hat öfters gesagt, dass er die Finger von ihr lassen soll. Also `wieder` wurde er abgelehnt. Dann hat er seinen `Ausgleich` bei Jana und Michael Lauterbach gesucht. Und gefunden.<<
>>Dann kümmern wir uns mal um Michael Lauterbach.<<
>>Sie möchten dabei sein? Immerhin ist er einer der beiden Schützen.<<
>>Diese Herausforderung nehme ich gerne an.<<

>>Chef…!<<, rief ein Kollege der Spurensicherung. >>Die SpuSi und die KTU haben neue Ergebnisse.<<
Feisel und Schrader gingen gemeinsam in sein Büro, um diese zu studieren.

Sabine Mohr hatte definiticv mit zwei Männern Sex, bevor sie mit einem Seil stranguliert wurde, sie wurde nackt aufgefunden. Wie die Pathologie herausgefunden hatte, befanden sich noch nach dem Tod Frau Mohrs` Spuren von K.O.-Tropfen. Keine Hämatome auffindbar, keine Spuren von Abwehr, auch sonst keine Spuren eines Kampfes. Am Hanfseil, das man in der Wohnung Mohr gefunden hatte, waren zwei unterschiedliche Fingerabdrücke festzustellen, nämlich am die der einen Hand von Mohr und die der anderen Hand von Lauterbach. Auch wurden in der Wohnung von Frau Mohr Fuß- und Fingerabdrücke von Jana Lauterbach gefunden, allerdings nicht an Mordwerkzeugen. Nach Aussagen von Jana haben sie und Frau Mohr sich ja gekannt. Bis dato konnte nicht ausgeschlossen werden, ob Jana Lauterbach während der Tötung von Frau Mohr anwesend war oder nicht.
Anhand der ballistischen Auswertungen passten die bei Mohr gefundenen Munitionsarten sowohl in die gefundene Pistole als auch in den gefundenen Revolver. Die zwei Schüsse, die aus Mohrs` Wohnung abgefeuert wurden, verfehlten ihr Ziel, sie stammten aus dem Revolver, die passenden Hülsen wurden nicht gefunden. Die Kugeln dazu landeten in der Wand, das entsprach den Einschusslöchern, die Feisel am Tag seiner Ankunft in der Hauswand gesehen hatte. Die anderen vier Patronen wurden aus der Pistole abgefeuert, die Spurensicherung fand die vier Hülsen unmittelbar vor dem Fenster der Wohnung von Frau Breuer. Auch wurden am Griff des selben Fensters Fasern von Lederhandschuhen gefunden, nämlich dieselben, wie sie auch an der Pistole gefunden wurden. Die in Frau Breuers` Wohnung unbekannten Fußspuren passten schon von der Schuhgröße her zweifelsohne zu Tobias Mohr. Vom anderen Paar Turnschuhe wurden in Frau Breuers` Wohnung nämlich keine Spuren gefunden, dafür aber in der Wohnung Mohr, und zwar am Fenster. Ebenso wie Fasern von Lederhandschuhen am Fenstergriff.

>>Bleibt zu klären, ob Jana Lauterbach bei der Ermordung von Frau Mohr aktiv oder passiv dabei gewesen ist.<<, bemerkte Schrader.
>>Kann ich mir nicht vorstellen.<<, antwortete Feisel.
Nach einem beiderseitigen >>Let`s go.<< gingen Sie in den Verhandlungsraum.

Im Verhandlungsraum, in dem Schrader Jana Lauterbach vernommen hatte, saß nun Michael Lauterbach in Handschellen am Tisch. Feisel nahm gegenüber von Lauterbach Platz, Schrader auf dem Stuhl an der Wand. Feisel schaltete das Mikrofon ein und saß mit den Händen auf dem Tisch offen.
>>Erste Vernehmung mit Michael Lauterbach. Die Vernehmung führt KHK Matthias Feisel, er führt auch die Ermittlungen an. Anwesend außerdem KOK Nicole Schrader, sie wird der Verhandlung beiwohnen.<<
>>Was will die Fotz` do?<<, begann Lauterbach.
>>Sie ist meine Kollegin. Was stört Sie an ihr?<<
>>Ich will die net.<<
>>Was haben Sie gegen die Kollegin? Kennen Sie sie?<<
Lauterbach sah wieder zu Schrader und dann zu Feisel. >>Ich will die net.<<
>>Sie wird Sie nicht beißen, versprochen.<<Kurzes Schweigen im Raum. Schrader kreuzte Arme und Beine.
>>Was will die Fotz` do?<<
>>Herr Lauterbach. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie sich menschlicher ausdrücken würden.<<
>>Ich han nix Anneres gelernt.<<
>>Ihre Ausdrucksweise. Ist das eine Form von Tourette?<<
>>Was soll`n des?! Zweebrigge is mei Heimat, ich bin do gebor.<<
>>Abgesehen von Ihrem Dialekt.<<

Kurzes Schweigen im Raum.

>>Un warum redde Sie ke Pälzisch?<<
Kurzes Schweigen. Feisel sah zu Schrader und wieder zu Lauterbach.
>> Parce-que je suis qu’un visiteur de Zweibrücken. Ming Heimat is he nit. Wie sieht`s aus? Haben wir einen Deal?<<
Lauterbach änderte seine Sitzposition, verschränkte die Arme und antwortete: >>Ja, okay.<<
>>Kennen Sie Frau Schrader?<<
Lauterbach sah sekundenlang zu ihr hinüber, musterte sie. >>Nee, nicht bekannt.<<
Feisel war sich nicht sicher, ob Lauterbach log oder nicht. Er stellte ihm eine Fangfrage. >>Wer hat auf die beiden Polizisten draußen geschossen?<<
>>Herr Mohr war`s.<<
>>Wie haben Sie Herrn Mohr eigentlich kennengelernt?<<
>>Der ist über uns bei Sabine eingezogen. Auf einmal war er da.<<
>>Und? Sind Sie auf ihn zugegangen?<<
>>Nee.<<
>>Sondern?<<
>>Der hat mich und meine Schwester im Treppenhaus angesprochen. Er hat gesagt `Wenn ihr was braucht, kommt ihr einfach hoch, du und deine hübsche Schwester`. Sowas halt.<<
>>Einfach so?!<<
Lauterbach überlegte kurz und zuckte mit den Schultern. >>Pf… Ja.<<
>>Und dann sind Sie, also Sie alleine, direkt nach oben gegangen?<<
>>Nee, meine Schwester.<<
>>Was wollte sie da?<<
>>Keine Ahnung. Irgendwann hat sie den Mohr dann mit zu uns gebracht.<<
>>Warum?<<
>>Einfach so. Er wollte uns kennenlernen.<<
>>Als Ihre Schwester das erste Mal nach oben zu den Mohrs ging: War sie lange dort oben?<<
>>Keine Ahnung. Glaub` schon.<<
>>Als ihre Schwester wieder zu Ihnen in die Wohnung kam: Konnten Sie bei ihr eine Veränderung feststellen?<<
>>Hab` nicht drauf geachtet. Sie ging direkt ins Bett. Wahrscheinlich hat sie mit den beiden gekokst und gevögelt.<<
>>Menschen im Rauszustand lassen sich gerne schon mal gehen. Dann wird`s schon mal lauter. Haben Sie an dem Abend mitbekommen? Laute Musik vielleicht?<<
Lauterbach grinste und wurde rot. >>Nee.<<
>>Haben Sie sonst schon mal laute Musik aus der Mohrs gehört?<< >>Nur selten mal.<<
>>Irgendwas anderes?<<
>>Wenn wir nicht dabei waren, haben die schon mal gestritten.<<
>>Waren dabei beide laut?<<
>>Nee. Nur sie. Also Sabine.<<
>>Was hat sie denn so gesagt?<<
>>Dass er die Finger von ihr lassen soll, und sowas. Aber die wollte es doch. Sie war ständig geil, die hat sich nie gewehrt.<<
Schrader meldete sich mit einer Zwischenfrage. >>Woran definieren Sie, dass Sie `ständig geil` war? War ihre Vagina feucht? Und wie sahen ihre Augen aus?<<
Lauterbach schwieg kurz. Dann antwortete er: >> Die hatte immer den Schlafzimmerblick.<<

Kurze Pause. Dann übernahm Feisel wieder das Gespräch.

>>Wie gut kannten Sie Sabine Mohr eigentlich?<<
Lauterbach wurde wieder verlegen und grinste. >>In- und auswendig.<<
>>Und persönlich?<<
>>Gut.<<
>>Wie gut denn? Haben Sie mit ihr Drogen genommen…?<<
>>Ja.<<
>>…, wenn Herr Mohr nicht dabei war?<<
>>Nee.<<
>>War Frau Mohr auch mal ohne ihren Mann bei Ihnen in der Wohnung?<<
>>Ja. Schon.<<
>>Hatte sie dann auch diesen Schlafzimmerblick?<<
>>Hab` nicht drauf geachtet.<<
>>Finde ich ehrlich gesagt seltsam. Ihnen fällt auf, dass Frau Mohr, wenn Sie oben bei den Mohrs waren, den Schlafzimmerblick hatte, aber Ihnen fällt nicht auf, ob Frau Mohr, wenn Ihr Mann nicht dabei war, den Schlafzimmerblick hatte.<<
Lauterbach ging die Farbe aus dem Gesicht. Er begann zu schwitzen.
>>Denken Sie, dass Herr Mohr was mit dem Schlafzimmerblick zu tun hat?<<
>>Weiß nicht.<<
>>Ich denke, dass sie das wissen. Sowohl bei Ihnen als auch in der Wohnung Mohr wurden Cannabis, Kokain und K.O.-Tropfen gefunden. Nur bei Mohr in größeren Mengen als bei Ihnen.<<
>>Er hat damit gedealt.<<
>>Sie auch?<<
>>Nee, Frau Mohr nicht.<<
>>Sie machen es aber spannend, Herr Lauterbach. Ich möchte Ihnen helfen. Darf ich?<<
Lauterbachs` Augen wurden groß, er knetete mit den Fingern seine Lippen. >>Ja.<<
>>Wir vermuten, dass Herr Mohr Sie angestiftet hat, mit Frau Mohr und mit Ihrer Schwester ein sexuelles Verhältnis anzufangen. Die Drogen hat er Ihnen gegeben, damit Sie für ihn verticken, und um Sie als Freund zu gewinnen.<<
Lauterbach bekam wieder einen hochroten Kopf, begann wieder zu schwitzen und hielt sich mit den Händen die Ohren zu. Er wippte dabei mit dem Oberkörper nach vorne und nach hinten.
>>Vermutlich hat er Ihnen auch gesagt…<<, sprach Feisel weiter >>…, dass die Drogen ihre Schwester willenlos machen. Und im Gegenzug hat er Ihnen versprochen, den Mund zu halten.<<

Wieder kurze Pause. Lauterbach begann in selbiger Sitzposition zu weinen.

>>`Sei doch endlich mal ein Mann`, hat er gesagt.<<, beendete Lauterbach die Pause.
>>Während Sie mit Frau Mohr Sex hatten?<<
>>Ja. Er hat sie wie immer geohrfeigt und sie gezwungen, die K.O.-Tropfen zu nehmen. Anschließend hatten wir abwechselnd Sex mit ihr. Dann hat er gesagt `Deine Schwester hast du rumgekriegt. Aber das war einfach. Jetzt zeig` mal, was du kannst. Sei ein Mann`. Dann hat er das Seil nur festgehalten und ich sollte am anderen Ende ziehen. Immer fester.<<
>>Hatten Sie auch währenddessen mit Frau Mohr…?<<
>>Ja.<<

Wieder kurze Gesprächspause.

>>Eine Frage noch, Herr Lauterbach. Kennen Sie die Frau auf dem Stuhl an der Wand?<<
>>Ja.<<

Während Lauterbach abgeführt wurde, schaute er schweigend nach unten und schielte dabei zu Schrader, was so aussah, als wolle er sich entschuldigen, als könne er nichts dafür. Schrader würdigte ihm keines Blickes. Sie wartete, bis Lauterbach weg war und stand auf.
>>Wir sollten…<<, sprach Feisel sie an. Aber sie war schon weg. Er konnte sich denken, dass das zu viel für sie war. Aber er hatte ihr mehrfach geraten, fern zu bleiben.

Am späten Nachmittag fuhr er zunächst zum Hotel, wo er duschte und sich umzog. Er hatte im Internet “Andreas` Blumeläädche“ in der Nähe des Hallplatz ausfindig gemacht. Diesen suchte er auf und kaufte dort eine weiße Rose. Die Verkäuferin schätzte er auf Anfang 40 Jahre alt, was er aber im selben Moment wieder verdrängte, hinsichtlich der Absicht des Kaufs.
Die Frau sah ihn widerum mit großen Augen an und lächelte. >>Darf ich Ihnen die Rose schenken?<<
>>Ich möchte sie bitte kaufen, die ist für einen Kollegen.<<
Nachdem er bezahlt hatte, verließ er den Laden und bekam gar nicht mit, dass die Verkäuferin ihm am Fenster stehend hinterher sah. Er suchte unmittelbar das Hotel auf, steckte die Rose in ein Glas Wasser, zog sich aus und ging schlafen.


Kapitel 5

Auch die lokale Presse hatte von den Fall mitbekommen und schrieb darüber:






















>>Für heute steht nochmal richtig Arbeit an.<<, begann Feisel die Teambesprechung.
>>Die Zeitung mischt sich auch schon ein.<<, rief ein Kollege.
>>Hab` ich gelesen, deshalb ja. Für heute hab` ich auch Frau Lauterbach vorgeladen. Außerdem werde ich Tobias Mohr unbedingt vernehmen. Nicht nur wegen der Zeit, sondern er ist dringend tatverdächtigt. Und Jana Lauterbach muss ich auch nochmal vernehmen, sie hat noch nicht alles gesagt.<<
>>Frau Schrader hat sich krank gemeldet.<<, erwähnte Stoll.
>>Das trifft sich eigentlich ganz gut, denn heute wird es ernst, wir brauchen Mohrs` Geständnis.<<
Heute Mittag ist doch die Beerdigung unseres Kollegen Steiner,<<, fügte Stoll hinzu.
>>Ja. Hab` ich nicht vergessen. Also: Tobias Mohr wollte die Kontrolle über seine damalige Frau haben, die sie ihm aber verweigert hat. Während dieser Zeit hat er Jana und Michael Lauterbach kennengelernt. Schnell war ihm klar, dass er die beiden manipulieren und sie kontrollieren kann. Nach und nach wurden Sie zu seinen Werkzeugen. Er hat Sabine Mohr von Lauterbach umbringen lassen, er hat ihn dazu angestiftet, das Seil zuzuziehen, während Lauterbach mit Frau Mohr Sex hatte. Damit Lauterbach den Todeskampf von Frau Mohr nicht bemerken sollte, hat er sie vorher gezwungen, eine geringe Dosis K.O.-Tropfen zu nehmen. Die Kollegin Schrader und der Kollege Steiner haben in dem Fall ermittelt. Während sie gerade auf der Rückseite des Hauses nach Anhaltspunkten für den Mord an Frau Mohr suchten, wurde auf sie geschossen. Wir wissen, wer es war. Es muss aber jemand eine Warnung ausgesprochen haben, und das gilt noch zu ermitteln.<<
>>Chef…, Frau Anna Lauterbach ist da.
>>Oh…! Ich wollte gerade Tobias Mohr vernehmen. Aber gut, wir sind ja flexibel.<<
>>Soll ich das machen?<<, fragte ein Kollege.
Feisel überlegte kurz.
>>Eigentlich keine schlechte Idee, einen Pluspunkt für Ihren Einsatz. Schicken Sie Frau Lauterbach kurz zu mir.<< Dann ging er in den Vernehmungsraum.

Kurz darauf betrat die Frau, die er einmal in der Langentalstraße als Passantin und einmal als Verkäuferin in der Pommesbude von hinten gesehen hat, den Raum. Er stand auf, wollte ihr die Hand reichen, darauf reagierte sie aber nicht. Sie setzte sich schweigend.
>>Frau Lauterbach. Sie wissen, weshalb ihr Sohn und ihre Tochter bei uns sind?<<
>>Klar. Wurde auch Zeit.<<
>>Sie wissen also einiges.<<
>>klar. Ich weiß, dass der die Jana gepoppt hat.<<
>>Wen meinen Sie jetzt?<<
>>Beide.<<
>>Frau…, Lauterbach. Sie reden so trocken, als ginge Sie das gar nichts an. Lässt Sie als Mutter sowas kalt?<<
>>ich hab` den beiden schon länger prophezeit, dass sie irgendwann noch im Knast enden.<<
>>Ach so. Und da haben Sie die beiden einfach machen lassen?!<<
>>Ja.<<
>>Der `Mike` war ja schon seit seiner Jugend verhaltensauffällig. Haben Sie nie in Erwägung gezogen, ihm eine Behinderung attestieren zu lassen?<<
>>Doch, versucht schon. Der Kinderarzt damals sagte, er habe nichts feststellen können. Also war ich wieder mit meinen Problemen alleine.<<
>>Ah so. Und weil Sie alleine gelassen worden sind, meinen Sie, es sei gerechtfertigt, die eigenen Kinder zu vernachlässigen. Auch noch als Mutter.<<
>>Mein Mann hat mich und meine Kinder lange genug geschlagen. Da ist solches Verhalten kein Wunder, bei einem Kind, meine ich. Der Mike hat seinen Vater gehasst. Aber nach und nach wurde er genauso wie sein Vater. Als er mich einmal mit dem Messer bedroht hat, bin ich zwei Blocks weiter weggezogen, der Mike war ja schon erwachsen. Mit der Zeit ist auch Jana mir gegenüber aufsässig und rotzfrech geworden. Außerdem haben die beiden später gerammelt wie die Karnickel. Deshalb habe ich die Wohnung weiterhin gemietet und bin zwei Blocks weiter nach oben gezogen. Ich kann nicht mehr, ich will meine Ruhe haben.<<
>>Moment… Wer hat…?<<
>>Na, die Kleine und der Mike.<<

Kurze Pause.

>>Frau Lauterbach… Wie gut kennen Sie Tobias Mohr?<<
>>Der hat den beiden wenigstens Zucht und Ordnung beibringen können.<<

Wieder kurze Pause.

>>Sie kennen ihn also gut?<<
>>Vom Sehen, wenn ich bei Jana und Mike in der Wohnung zu Besuch war. Wenn der Mohr bei denen in der Wohnung dabei war, haben die beiden immer `Bitte` und `Danke` gesagt.<<
>>Sie haben also trotzdem, obwohl Sie ihre Ruhe haben wollten, die beiden immer noch besucht?<<
>>Musste ich doch als Mieterin.<<
>>Wissen Sie, ob Ihr Sohn und Ihre Tochter Drogen genommen haben?<<
>>Gehört habe ich davon. Gesehen habe ich nichts.<<
>>Wie gut kannten Sie Frau Sabine Mohr?<<
>>Die hab` ich ab und zu mal im Hausflur gesehen und `Guten Tag` gewünscht.<<
>>Wissen Sie, dass Frau Mohr tot ist?<<
Frau Lauterbach bekam große Augen und sie lächelte. >>Frau Mohr ist das?<<
>>Wen oder was meinen Sie jetzt?<<
>>Ich hab` gehört, dass bei uns in der Straße…<<
Feisel zeigte mit der Hand eine imaginäre Glocke. >>Ding-ding-ding-ding…! Frau Lauterbach! Hallooo! Welche Muse muss erst kommen, um sie wachzurütteln?<<
>>Hä…?<<
>>Ist Ihnen eigentlich klar, dass Ihre Kinder mit einem Mörder zu tun hatten?<<
Wieder bekam sie große Augen. >>Mit wem?<<
>>Ich habe genug gehört…<< Als Frau Lauterbach aufstand und offensichtlich gehen wollte, fügte er hinzu, im selben Moment betrat ein Beamter der Schutzpolizei den Vernehmungsraum: >>Sie bleiben hier. Sie haben über Jahre Ihre Kinder vernachlässigt, offensichtlich ohne jede Empathie. Sie sind hiermit wegen Begünstigung und wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht, jeweils in Tatmehrheit, festgenommen.<<

Nach diesem Gespräch konnte Feisel nicht anders, als sich in der Kantine abzulenken und zu stärken. Als er wieder zurückkam, trat Stoll auf ihn zu.
>>Ob wir wollen oder nicht: Es sind Menschen.<<, bemerkte Feisel.
Stoll atmete durch und sagte: >>So sieht`s aus.<<
>>Bin gespannt, was mich gleich mit Mohr erwartet. Mit dem habe ich ja noch gar nicht gesprochen.<<
>>Mit Jana Lauterbach ist auch noch nicht alles geklärt.<<

Nach der Pause sprach er zum ersten Mal mit Tobias Mohr. Beweise brauchte er nicht mehr, nur noch ein Geständnis. Und das sollte die schwierigste Aufgabe in diesem Fall werden.
Feisel schaltete das Mikrofon ein. >>Erste Vernehmung mit Tobias Mohr. Die Vernehmung führt KHK Feisel, der auch die Ermittlungen anführt.<<

Kurze Pause.

>>Guten Tag Herr Mohr. Wir beide kennen uns noch nicht. Vor… einigen Tagen wurde Ihre E-Frau nackt und leblos in ihrer gegenüberliegenden Wohnung aufgefunden. Sie war bereits tot.<<
Mohr schwieg. Er starrte Feisel an.
>>Interessiert Sie das gar nicht?<<
Mohr schwieg und starrte Feisel weiter an.
>>Wie gut kennen Sie Michael und Jana Lauterbach?<<
Keine Antwort. Nur Starren.
>>Okay… Dann anders. Lösen Sie gerne Kreuzworträtsel?<<
Mohr runzelte die Stirn, sagte aber nichts, starrte nur.
>>Spielen Sie Schach?<<
>>Was sollen diese dämlichen Fragen?<<
>>Sagen Sie mir, was Sie nicht für dämlich halten. Was sollte ich Sie denn fragen?<<
Mohr schwieg wieder.
>>Herr Mohr, ich bin sicher, Sie sind ein intelligenter Kerl. Und Sie haben den Drang, anderen Ihre geistige Überlegenheit unter die Nase zu reiben, deshalb…, habe ich Sie gefragt, ob Sie gerne Kreuzworträtsel lösen und ob Sie Schach spielen.<<
Mohr schwieg.
>>Soll das Schweigen eine Bestrafung sein? Was habe ich Ihnen denn getan?!<<
>>Nichts.<<
>>Nichts. Und der Tod Ihrer Ex-Frau ist auch Nichts. Oder?<<
Schweigen.
>>Sehen Sie, Herr Mohr… Sie starren mich die ganze Zeit an. Sie versuchen, mich in die Ecke zu drängen. Ginge es nach Ihnen, sollte ich mich weit weg von Ihnen in die Ecke verkriechen und vor Ihnen erzittern, die unsichtbaren Fesseln, sozusagen. Nach diesem Beuteschema suchen Sie doch Menschen aus, mit denen Sie zu tun haben möchten. Und Sie entscheiden, wie lange der Kontakt bestehen bleibt. Von Ihnen geht niemand, sondern man wird gegangen. Stimmt`s? Aber ich sag` Ihnen was: Ich habe vor Ihnen aber keine Angst. Dazu habe ich auch keinen Grund. Warum ich keinen Grund dazu habe, verrate ich Ihnen später, ich muss nämlich jetzt zur Beerdigung meines Kollegen, Sie haben ihn ja kennengelernt. Also: bis nachher.<<
Feisel befahl dem Kollegen auf dem Stuhl an der Wand, Tobias Mohr in dessen Zelle zu bringen. Im selben Moment, als Mohr abgeführt wurde, bemerkte er Jana Lauterbach, die gerade von einem Toilettengang zurück in ihre Zelle geführt wurde. Als sie Tobias Mohr sah, wurde sie vor Angst hysterisch, begann zu schreien, sodass die Beamtin der Schutzpolizei sie festhalten musste. Lauterbachs` Blick zu ihr war eiskalt, er warf ihr einen Luftkuss zu.

Die Beerdigung fand um die Mittagszeit statt. Eigentlich der ungünstigste Zeitpunkt, inmitten der Ermittlungen. Der verstorbene Hauptkommissar Steiner wurde im Stadtteil Ixheim beerdigt, weil er dort wohnte.
>>Ah, Herr Feisel. Sie kommen mit nach Ixhm.?<<, fragte ein Kollege.
>>Äh… Wohin?
>>Nach Ixhm.<<
>>Wo ist denn bitte `XM`?<<
>>Ixhm. lautet bei uns die Abkürzung für Ixheim.<<
>>Na toll…! Ja, gerne komme ich mit.<<
>>Kommen Sie, ich nehme Sie gerne mit.<<, sagte der Kollege.

Während der Pastor sprach, schaute er sich um, er wartete eigentlich nur darauf, seine Rose abzulegen und direkt wieder ins Revier zu fahren. Unter den Trauergästen sah er auch Schrader. Sie lehnte den Kopf in entgegengesetzte Richtung an die Schulter eines älteren Mannes. Dennoch war nicht zu übersehen, dass sie weinte.
Während er später die Rose ins Grab fallen ließ, bemerkte Schrader ihn, was er widerum nicht bemerkte. Sie trocknete ihre Tränen, rang nach Fassung und ging zu ihm.
>>Sie hätte ich hier gar nicht erwartet. Sind Sie immer so sentimental?<<
>>Ich verabschiede unbekannterweise einen Kollegen. Wäre er nicht verstorben, wäre ich nicht hier, und wir würden uns nicht kennen. Wenn Sie das als `sentimental` bezeichnen, dann `Ja`.<<
>>Wie laufen die Ermittlungen?<<
>>Frau Schrader. Bitte nicht böse sein, aber Sie sind gerade nicht bei den Ermittlungen. Sie werden die Energie für Ihre Zukunft hier in Zweibrücken brauchen. Bitte verschwenden Sie sie nicht. Sie sind eine gute Polizistin. Ehrlich.<<
>>Dann gehe ich mal wieder… Bis später.<<
>>Bitte nur, wenn Sie es möchten.<<
Darauf verabschiedeten sie sich voneinander und er ging wieder zu seinem Kollegen, der ihn mitgenommen hatte. Geduldig blieb er dort stehen, schaute sich um, und gelegentlich auf seine Armbanduhr. Irgendwann bat er den Kollegen, ihn wieder zurück zur Wache zu fahren, er könne ja anschließend wieder zurück zur Trauerfeier fahren.


Im Revier zurück ließ er Tobias Mohr erneut in den Vernehmungsraum führen.

>>Guten Tag Herr Mohr. Wie geht`s Ihnen? Okay, diese Frage war nicht besonders taktvoll. Obwohl: Interessiert Sie eigentlich, was taktvoll ist, können Sie menschlich von unmenschlich unterscheiden?<< >>Ich war`s nicht. Der Mike war`s.<<
>>Der Mike? Ich bitte Sie! Der ist zu einem Mord gar nicht imstande. Das haben Sie doch von Anfang an gewusst. Sie haben sein Potential als `Ihr Werkzeug` erkannt und schamlos ausgenutzt.<<
>>Der Mike war`s. Der hat meine Ex getötet und den Bullen erschossen.<<
>>Her Mohr. Niemals. Wir haben zwei Einschusslöcher in der Hauswand unterm Fenster des Hauses gefunden, in dem Ihre Ex wohnte.<<
>>Na also!<<
>>Wissen Sie, was Ihr Fehler ist, Herr Mohr? Sie denken nicht zu Ende. Sie versuchen, die Polizei und die Justiz an der Nase herumzuführen. Genauso, wie sie es bei Ihrer Ex-Frau versucht haben. Sie hat Sie oft genug abgeblockt. Und das war für Sie eine Demütigung. Was, schon wieder eine Ablehnung? Das kennen Sie doch aus Ihrer Kindheit, nicht wahr? Sie wurden von Ihrem Vater denunziert, weil Sie nie – wie er – Chemie studiert haben. Und Ihre Mutter hat sie verwöhnt bis dorthinaus, Selbstverständlich: gegen zu wenig Liebe gibt es Gesetze, Paragraphen, mit denen man sein menschliches Recht einfordern kann. Bei zu viel Liebe aber gibt es keine Gesetze. Das haben Sie als Kind natürlich nicht wissen können. Aber sie wussten aber auch nicht, wie sie hätten aus dem Karussell, in das man sie gedrängt hatte, hätten aussteigen können. Also hatten Sie sich irgendwann damit arrangiert. Aber Sie haben gleichzeitig auch zwei Parallelen kennengelernt: Nämlich Liebe von der einen Seite und Hass von der anderen Seite. Aber beides als Demütigung. Sie, Herr Mohr, wurden permanent erdrückt.
Da kamen Ihnen natürlich zwei so psychisch instabile Menschen wie Michael und Jana Lauterbach gerade recht, nachdem Sie auch von Ihrer Ex-Frau verschmäht wurden. Sie haben Ihnen Drogen und kriminelle Freiheiten gegeben, um Sie als Freunde zu gewinnen. Sie haben, die beiden für Ihre Zwecke gefügig gemacht, sich als väterlichen Freund ausgegeben. Aber gleichzeitig mussten die beiden Sie auch mit `Sie` und `Herr Mohr` ansprechen, zum Zeichen des Respekts vor Ihnen. Dann haben Sie Jana und Michael Lauterbach quasi `gezwungen`, mit Ihrer Ex-Frau ein sexuelles Verhältnis anzufangen, auch untereinander, das war natürlich auch zu Ihren Gunsten, Sie sind ja ein echter Freund, der auch den Mund hält. Aber gleichzeitig hatten Sie die beiden auf diese Weise in Ihrer Hand.
Irgendwann wurde das Ganze Ihrer Ex-Frau aber zu viel, deshalb ist sie ausgezogen – wieder wurden `Sie` verschmäht. Sie, Herr Mohr, konnten es nicht ertragen, dass jemand anderes die Regeln bestimmt und selber über sich und sein Leben bestimmt. Sie haben Ihrer Ex-Frau aufgelauert, sie gestalkt. Am besagten Tag waren Sie und Michael Lauterbach bei ihr drüben, vorher haben Sie Lauterbach schön Cannabis und Kokain konsumieren lassen, um ihn gefügig zu machen. In der Wohnung Ihrer Ex-Frau haben Sie sie mit Ohrfeigen zur Einnahme von K.O.-Tropfen gezwungen, damit Sie und Michael Lauterbach mit ihr Sex haben konnten. Dann haben Sie ihm eingeredet, was für ein Schwächling er doch sei, wenn er nicht am anderen Ende des Seils kräftig ziehen würde. So ähnlich haben Sie es ja auch mit Jana Lauterbach getan, wenn sie gegen Sie aufplusterte, Sie haben ihr eingeredet, wie hässlich sie doch sei. Eines haben Sie aber ebenfalls nicht zu Ende gedacht: Auch Ihre Fingerabdrücke sind am Seil, und zwar am anderen Ende, genau gegenüberliegend von denen von Lauterbach.<<
Tobias Mohr ließ Feisel reden, hörte aber aufmerksam zu. Selbstverständlich wollte er aber wissen, ob er alles richtig gemacht hatte. Er wartete auf den Punkt, an dem er hätte sagen können “So. Und das können Sie nicht beweisen.“ Aber dieser Punkt kam nicht. Deshalb wartete er einen Moment. Dann klatschte er drei Mal zaghaft in die Hände und sagte: >>Bravo. Sehr gut, Herr Kollege.<<
Dann wartete Feisel ebenfalls einen Moment lang und sagte: >>Herzlichen Dank. Mir brauchen Sie aber nicht zu applaudieren. Die Beweise sprechen ihre eigene Sprache. Sie werden nie wieder ein Gefängnis von außen sehen.<<
Mohr kreuzte die Arme, und Feisel ließ Mohr einen Moment lang mit seinen Gedanken alleine. Dann sprach er weiter: >>Applaudieren werden Sie hoffentlich sich selber. Und zwar im Gefängnis, nachdem Sie hier ein Geständnis abgelegt haben.<<
Wieder schwieg Mohr. Diesmal kreuzte er dabei die Arme.
>>Als meine Kollegen im Fall Sabine Mohr ermittelt haben, sind Sie gewarnt worden. Entweder von Michael oder von Jana. Dann haben Sie Michael den Revolver gegeben und ihn genötigt, auf meine Kollegen zu schießen. Da Sie aber wussten, dass er zu einem Mord gar nicht imstande ist, haben Sie ihn an all Ihre Vorleistungen erinnert: An die ganzen Sex-Spielchen, an die Drogen, an ihre Pseudo-Straffreiheit. Damit sind Sie sicher gegangen, dass er auch schießen wird. Anschließend haben Sie bei Ihrer Nachbarin geklingelt und der alten Dame mit der Pistole in der Hand Angst gemacht, damit sie nicht schreit. In der Wohnung von Frau Breuer haben Sie das Fenster aufgemacht und dort auf meinen Kollegen geschossen: Zwei Mal in die Brust, mein Kollege lag am Boden, lebte aber noch. Der Schuss ins Bein war ein Fehlschuss, denn Sie konnten gar nicht gemütlich zielen, es musste schnell gehen, meine Kollegin war ja noch dabei. Erst der Schuss in den Kopf hat ihn getötet, da war meine Kollegin aber schon aufgestanden, ist weggerannt und hat die Kollegen alarmiert.<<
Mohr schwieg immer noch und starrte ihn an.
>>Herr Mohr. Ich bin sicher, dass es Sie im Knast innerlich auffressen würde, wenn Sie heute kein Geständnis ablegen. Haben Sie denn noch nicht mal Achtung vor sich selber?<<
>>Sie haben Recht, es war alles so, wie sie sagen.<<
>>Sie sind hiermit verhaftet und werden später unmittelbar dem Untersuchungsrichter vorgeführt.<<
Dann kamen diesmal zwei Kollegen der Schutzpolizei und führten Tobias Mohr ab.

Zurück in deinem Büro lobte Stoll: >>Sehr gute Arbeit, Herr Kollege.<<
>>Hab` ich eben schon mal gehört.<<, kommentierte Feisel.
>>Die Medien-Fuzzies warten übrigens unten. Die Pressekonferenz dürfen Sie führen.<<
Feisel stimmte zu.

Dann erzählte er den Medienvertretern vom Fahndungserfolg. Als die PK zu Ende war und der Beifall abebbte, ging Feisel zu einer Journalistin, er hat sie während der Hausdurchsuchung in vorm Haus gesehen.
Er flüsterte ihr lächelnd zu:>>Sind Kamera und Mikrofon aus?<<
>>Alles schon eingepackt. Warum?<<
>>Pressefreiheit hin oder her: Sollten Sie sich nochmal in die Polizeiarbeit einmischen, ist Ihnen eine Anzeige wegen Falschaussage sicher.<<
Dann wandte er sich von der Journalistin ab.

Nach der PK betrat Stoll wieder Feisels` Büro. >>Die Akte Jana Lauterbach ist noch nicht geschlossen. Sie muss spätestens morgen entlassen werdem.<<
>>Kann das dann noch bis morgen früh warten?<<
>>Okay.<<

Im Anschluss ging er ins Hotel.


Kapitel 6

Einen Tag nach Steiners` Beerdigung gingen die Ermittlungen in die entscheidende Phase, die letzte Vernehmung Jana Lauterbachs` stand bevor. Ihm wurde nach Mohrs` Geständnis, diese Aufgabe zu Teil. Schrader war immer noch krank gemeldet.

Im Vernehmungsraum wartete Jana bereits auf ihn. Sie wirkte gelassener als sonst. Der Stuhl an der Wand blieb leer. Er schaltete das Mikrofon ein: >>Dritte und letzte Vernehmung mit Jana Lauterbach. Die Vernehmung führt KHK Matthias Feisel, der auch die Ermittlungen anführt. Frau Lauterbach. Wie gut kannten Sie Tobias Mohr?<<
>>Sehr gut. Er war mein Freund.<<
>>Ihr fester Freund?<<
>>Mein Liebhaber, mein Stecher, mein fester Freund. Sabine ist ausgezogen, weil ich Tobias für mich haben wollte.<<
>>Wie jetzt…?!<<
>>Nachdem unsere Mutter ausgezogen war, hat sie uns doch uns alleine überlassen. Es war doch sonst keiner für uns da. Tobi hat sich um uns gekümmert. Teils wie ein Vater, den ich nie hatte, weil unser Vater früh verstorben war. Teils aber auch wie ein großer Bruder oder eben…, wie ein Vater.<< >>Gekümmert? Er hat Sie zum Beispiel mit Drogen gefügig gemacht. Er hat Sie zum Sex mit Ihrem Bruder angestiftet. Nenn Sie das `kümmern`?<<
>>Na und?! Mein Gott, mein Bruder war erwachsen. Der hat gewusst, was er getan hat.<<
>>Nee, das glaube ich aber nicht. Ich meine…<<
>>Doch. Er hat mich abends und auch nachts im Schlaf befummelt, Nur brauchte ich dafür keine K.O.-Tropfen, so wie Sie das dargestellt haben.<<
>>Kommen Sie. Sie brauchen mich nicht zu verarschen, ich könnte Ihr Vater sein.<<
>>Dann pass mal gut auf, `Daddy`: Ich war´s.<<
>>Jetzt haben Sie auch noch Sabine Mohr umgebracht. Das wird ja immer doller.<<
>>Nein. Ich hab` Tobi und meinem Bruder den Tipp gegeben, dass die Bullen da sind.<
Nun lernte Feisel nach ihrer Rolle der bemitleidenswerten Prinzessin auch die der aufsässigen Göre kennen, von der er aber bereits wusste. Er tat so, als sei er beeindruckt.
>>Is ja interessant. Und Sie haben Frau Mohr nicht umgebracht?<<
>>Nein. Das waren Tobi und mein bekloppter Bruder.<<
>>Komisch. Eben sagten Sie noch, er hat gewusst, was er getan hat.<<
>>Das bezog sich doch auf den Sex. Mann ihr Eierträger glaubt aber auch alles. Mann, seid ihr doof. Wenn ihr Titten seht…<<
Feisel ließ sie reden. Da sonst niemand im Raum war, rief er: >>Bringt sie raus!<<
Dann kamen zwei Beamte und führten Jana Lauterbach ab.


Jana Lauterbach wurde wegen Verstoß gegen des Betäubungsmittelgesetz in Tatmehrheit und wegen Beihilfe zum Mord zu insgesamt 6 Jahren Jugendgefängnis verurteilt.
Michael Lauterbach wurde wegen Totschlags, wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz in Tatmehrheit, wegen Drogenhehlerei, wegen sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen, und wegen Verstoß gegen den sogenannten Inzestparagraphen in Tatmehrheit zu insgesamt 12 Jahren Gefängnis mit Unterbringung in eine psychiatrische Anstalt verurteilt.
Tobias Mohr erhielt wegen des zweifachen Mordes, wegen Verstoß gegen das Waffengesetz, wegen Drogenmissbrauchs in Tatmehrheit, und wegen sexuellem Missbrauchs von Jugendlichen eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Anna Lauterbach, die über Jahre den Sex unter ihren Kindern sowie deren Drogenkonsum duldete, und außerdem über Jahre ihre Sorgfaltspflicht verletzte, wurde wegen Begünstigung und Beihilfe zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.
Die lokale Presse lobte die Zweibrücker Polizei nach diesem Fahndungserfolg in höchsten Tönen.



Kapitel 7

Als das am Mittag komplette Ermittler-Team beisammen stand, bat Stoll Feisel als Außenstehenden vor allen Kollegen um seinen persönlichen Eindruck über Zweibrücken und seinen Bürgern. Feisel lehnte zunächst ab und begründete, er kenne sich zu wenig aus. Die anderen Kollegen aber baten ihn ebenfalls darum.
>>Nun gut. Viel gesehen habe ich ja nicht, in der kurzen Zeit. Schade, den Rosengarten wollte ich noch sehen, fällt mir gerade ein. Aber auch so nehme ich auch diese Herausforderung gerne an.<<, kommentierte er lächelnd. Während er in seinen Hosen- und Jackentaschen nach seinem Handy kramte, bat er um ein USB-Kabel. Nachdem ihm eins gereicht wurde, schloss er es an einen Computer und öffnete die Galerie mit den Bildern, die er während seiner Tage in Zweibrücken gemacht hatte. Er stellte die Dia-Show ein.
>>Zunächst einmal…<<, begann er zu sprechen, >>…, möchte ich mich bei einem großartigen und freundlichen Ermittler-Team bedanken. Nicht ich, nicht einer alleine, hat den Fall gelöst, sondern wir gemeinsam, mit allem, was wir geben konnten. Meinen besten Dank.<<
Tosender Beifall.
>>Wie Sie sehen, habe ich meine Eindrücke in Bildern festgehalten., natürlich musste ich auch im Internet nachlesen, um welche Gebäude es hier geht. Zweibrückens` Geschichte reicht offiziell bis ins späte Mittelalter und hat einiges zu bieten – an Geschichte, an Sehenswürdigkeiten.<<
Die Kollegen applaudierten erneut.
>>Und die Menschen?<<, fragte Stoll.
>>Nun, ich durfte ja mit einigen Menschen hier sprechen, und manche sind im Herzen offen und freundlich, man kann aber auch den wunden Punkt treffen, ohne überhaupt zu wissen, dass es überhaupt ein wunder Punkt ist – woher soll man das als Außenstehender auch wissen, man muss sich doch erst kennen lernen.<<
>>Was zum Beispiel meinen Sie?<<
>>Ein Satz, der mir hier häufig begegnet ist, heißt `Hamma net`.<<
Die Kollegen lachten zynisch.
>>Das muss man doch als Besucher erst mal wissen.<<
>>Dafür gibt es das Internet.<<, kommentierte jemand.
>>Gute Einstellung. Dann kann man auch zu Hause bleiben und sich im Internet und im Fernsehen informieren, was es gibt und was es nicht gibt. Wozu dann noch nach Zweibrücken fahren, wenn nur wegen eines bestimmten Grunds?<<
>>Was würden Sie…, nach Ihrer bisherigen, persönlichen Eindrücken…, verändern wollen?<<, fragte Stoll.
Feisel zögerte. >>Jetzt führen Sie mich aber aufs Glatteis. Für die Politik bin ich nicht zuständig<<
Wieder lachten einige Kollegen.
>>Ich möchte offen und ehrlich sein: Bis vor ein paar Tagen wusste ich nicht mal, wo Zweibrücken überhaupt liegt, ich war mir sogar sicher, dass das im Saarland läge.<<
Darauf folgten Buh-Rufe, die meisten lachten dabei.
>>Um Menschen von außerhalb anzuziehen, sollte man an der Infrastruktur arbeiten, an den Verkehrsanbindungen.<< Er breitete dabei beide Arme aus und streckte die Hände nach oben, was dann aussah, als hätte er Flügel.
Ein Kollege tat es ihm gleich, drehte sich dabei einmal im Halbkreis und rief >>Na dann mal `Gute Heimreise<< und verließ den Raum.
Das Team sah dem Kollegen hinterher, einige lachten. Feisel nahm es gelassen.
Stoll zuckte mit den Schultern und sagte: >>Bitte nehmen Sie es ihm nicht übel. Die Zugverbindung nach Homburg im Saarland ist seit zig Jahren nur `In Planung`, aber nichts passiert. Èt kütt, wie et kütt`- sagt man so nicht in Köln?<<.
Feisel zeigte auf Stoll und schaute lächelnd zu den anderen. >>Er möchte Knöpfchen zu drücken. Stimmt, so sagt man bei uns. Die Baustelle unseres Stadtarchivs in Köln steht seit Jahren ohne Arbeit da, der Schaden wurde bisher mehrere Male nach oben kaschiert, mittlerweile sprechen wir von einem zweistelligen Milliardenbetrag jenseits der Zwanziger. Und trotzdem sagt man bei uns auch `Et hätt noch immer jot jejange`. Besucher von außerhalb möchten aber nicht nur was sehen und nicht nur Geld dalassen, sie möchten auch Spaß haben, und sie möchten wiederkommen, eventuell sogar mit weiteren Besuchern. Mit diesen Worten verabschiede ich mich offiziell bei einem großartigen Team und bedanke mich nochmal für die tolle Zusammenarbeit. Freundliche und offene Menschen wie Sie sind in Köln jederzeit herzlich willkommen.<<
Tosender Beifall und „Danke gleichfalls“-Rufe unterbrachen ihn.
Als der Beifall abebbte, sprach er weiter: >>Ich bin sicher, – nein, ich weiß -, dass Frau Schrader Sie alle in Zukunft gut anführen und betreuen wird.<< Er schaute sich um. >>Wo ist sie eigentlich?<<
>>In der Prüfung.<<, riefen einige.
>>Heute schon? Ich dachte, die wäre… Oh, schade.<<
Nach gemeinsamen Kaffee stöpselte er sein Handy aus, gab das Kabel zurück, nahm von jedem einzeln Abschied und verließ das Gebäude.

Während er zum letzten Mal über die Lammstraße auf die Fruchtmarktstraße fuhr, rief Schrader über den Video-Messenger an.
>>Frau Kollegin.<<, begrüße er sie freudig.
>>Tach, Chef. Ab heute dürfen Sie mich offiziell mit `Frau Hauptkommissar` ansprechen.<<
>>Was mich auch gewundert hätte. Wussten Sie denn, dass ich manchmal auch Hellseher bin?<<
Schrader lachte. >>Was halten Sie davon, wenn wir unsere gemeinsame Pizza nachholen?<<
>>Eigentlich sehr gerne. Aber zu Hause wartet schon die nächste Aufgabe.<<
>>Schade. Dann bedanke ich mich hiermit bei Ihnen. Ich glaube, ohne Sie wäre ich noch im Krankenstand. Dank Ihnen aber hab` ich wieder richtig Bock auf meine Heimatstadt.<<
>>Bock op ming Heimat han ich och. Vör allem op e lecker Kölsch.<<, lachte Feisel. >>Sie und ihr Team sind bei uns jederzeit herzlich willkommen.<<
>>Nehme ich ohne zu zögern an.<<
Beide wünschten einander alles Gute.

Nachdem er in Bubenhausen auf die Autobahn gefahren war, blickte er abwechselnd auf die Fahrbahn und immer wieder nach links und nach rechts und sagte >>Nette Menschen. Schönes Städtchen. Daraus könnte man doch was machen.<< und drückte aufs Gas.

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